Sport : Ein weicher Fall

Schaffartziks Vergehen: Warum Cannabis-Produkte auf der Dopingliste stehen

Sophie Genschow,Benedikt Voigt

Berlin - Mit Marihuana- und Haschisch-Konsumenten kennt sich Wolfgang Hilgert aus. „Ich habe jede Woche mit diesem Zeug zu tun, weil der Konsum nach dem Betäubungsmittelgesetz verboten ist“, erklärt der Richter eines Kölner Schöffengerichts. Am kommenden Mittwoch muss er sich allerdings auch in seiner Funktion als Vorsitzender der Anti-Dopingkommission des Deutschen Basketball-Bundes mit einem Konsumenten weicher Drogen befassen: dem Basketballprofi Heiko Schaffartzik.

Der 21 Jahre alte Aufbauspieler ist von seinem Verein Gießen 46ers wegen einer positiven Dopingprobe entlassen worden. „Ich habe einen schweren Fehler begangen“, sagte Heiko Schaffartzik. Im Urin des 21-Jährigen wurden Spuren der verbotenen Substanz Tetrahydrocannabinol (THC) gefunden, die in Haschisch und Marihuana vorkommt. „Im Allgemeinen gelten Cannabisprodukte als Einstiegsdroge für härtere Substanzen, doch bei einem Leistungssportler kann ich mir das nicht vorstellen“, sagt Hilgert. Trotzdem muss er sich nun im Sport damit beschäftigen. „THC steht auf der Dopingliste“, sagt er. Warum? „Ich habe die Liste nicht gemacht.“

Cannabis kann beruhigend wirken und die Muskeln entspannen. Allerdings können auch ein wirklichkeitsfremdes Bewusstsein für Zeit und Raum, Herzrasen und Depressionen die Folge sein. Was aber sind die Vorteile für einen Sportler, die einen Platz der Droge auf der Dopingliste der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) rechtfertigen? „Dopingmittel werden nach drei Kriterien definiert“, erklärt Ronald Augustin, Geschäftsführer der Nada in Deutschland. Dazu zählt, ob sie leistungssteigernd sind, gesundheitliche Risiken für den Sportler bergen oder die Ethik des Sports verletzen. „Sind zwei der drei Punkte zutreffend, erscheint der Stoff auf der Liste“, sagt Augustin. Als leistungsfördernd könne er sich den Konsum von THC nur bei einer nervenaufreibenden Sportart vorstellen, beim Mountainbiking etwa. Gesundheitsschädigend seien Cannabinoide jedoch durchaus. „Sie können eine Abhängigkeit hervorrufen“, sagt Augustin. „Oder Athleten könnten im Wettbewerb unter Drogeneinfluss unberechenbare Dinge tun.“ Am schwierigsten sei es, den Verstoß gegen die Ethik des Sports zu bewerten. „Das ist ein schwammiger Begriff“, sagt Roland Augustin, „da spielt die Idee des Fairplay und anderes eine Rolle.“ Der Nada-Geschäftsführer gibt zu, dass die Substanz THC auf der Dopingliste umstritten ist. „Es gibt verschiedene Institutionen, die das in Frage stellen“, sagt er.

Nach dem positiven Dopingtest des Snowboarders Ross Rebagliati bei den Winterspielen 1998 ist die Substanz auf die Dopingliste gesetzt worden. Im Urin des Kanadiers waren THC-Spuren gefunden worden, weshalb ihm das Internationale Olympische Komitee zunächst die Goldmedaille aberkannt hatte. Der Internationale Sportsgerichtshof hob das Urteil aufgrund der damaligen Rechtslage wieder auf. „Heute sind Cannabinoide nach anabolen Dopingmitteln die mit am häufigsten auftretenden Stoffe bei unseren Tests“, sagt Augustin. „Wir sehen nur die Spitze eines Eisbergs in der Gesellschaft.“ Er plädiert allerdings für eine Strafe mit Augenmaß. „Manche, oft junge Athleten wissen nicht, welche Konsequenzen das haben kann, zum Beispiel im strafrechtlichen Bereich.“

Schaffartzik hat Glück, dass sein Fall noch nach den Richtlinien des Deutschen Sportbundes und nicht nach Nada-Recht verhandelt wird, das im Basketball erst ab kommender Saison gilt. „Das ist das milderer Recht“, sagt Hilgert, „das ist gut für ihn.“ Wie gut, wird sich am kommenden Mittwoch zeigen.

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