Sport : Ein Weltmeister auf der Bank

Peer Vorderwülbecke

Der Ex-Nationaltorwart kommt bei Real Madrid nicht an einem 18-Jährigen vorbeiPeer Vorderwülbecke

"Hopp, Bodo, Hopp!" Bei jedem Kommando wirft Real Madrids Torwarttrainer Manolo Amieiro den Ball in eine andere Ecke. Bodo Illgner hechtet mit vollem Einsatz hinterher. Vier Monate nach seiner Verletzung im Champions-League-Spiel gegen Porto ist der frühere Torhüter der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wieder voll arbeitsfähig. An seinem Arbeitsplatz stand am Sonntag beim 1:0-Sieg gegen Malaga aber wie bisher der 18-jährige Iker Casillas. Illgner saß auf der Ersatzbank. Selbst nach der 2:5-Nieerlage vor zehn Tagen gegen Deportivo La Coruña stellt sich Real Madrids Trainer Vicente del Bosque weiter hinter seinen jungen Torwart. Mit Casillas ist die Mannschaft elf Spieltage ungeschlagen geblieben und ist vom siebzehnten auf den fünften Rang geklettert.

Die Stimmung hat sich gegen den Weltmeister von 1990 gewendet. Schon vor seiner Knieverletzung im Oktober war er in die Kritik geraten. "Illgner ist Lichtjahre von dem Spitzentorwart entfernt, den Trainer Fabio Capello vor drei Jahren mitgebracht hat," schreibt die Sportzeitung "El Mundo Deportivo" und rechnet vor, dass sein Durchschnitt in den letzten drei Jahren von 0,8 Gegentoren pro Spiel kontinuierlich auf 1,8 gestiegen sei. Mittlerweile werden dem Deutschen nicht nur zu viele Fehler, sondern vor allem zu viele Verletzungen vorgehalten. In den vergangenen zweieinhalb Spielzeiten hat er weniger als die Hälfte aller Ligaspiele bestritten. Für die nächste Saison hat Real bereits Nationaltorwart Cesar Sanchez von Valladolid verpflichtet.

Seit Illgner in Madrid spielt, hat er sich den Ruf eines öffentlichkeitsscheuen Eigenbrötlers erworben. Und er pflegt diesen Ruf. "Seit er bei uns ist hat er zwei oder drei Interviews gegeben," sagt Manolo Hernandez, Pressesprecher von Real Madrid. Warum schirmt Illgner sich so ab? "Warum gibt er als einziger Spieler nie Autogramme?", antwortet Hernandez mit einer Gegenfrage und sagt dann schulterzuckend: "Er ist eben ein bisschen seltsam." Selbst nach Gewinn der Meisterschaft in seiner ersten Saison blieb er der Meisterschaftsfeier fern. Seither fehlt er prinzipiell bei allen privaten Unternehmungen seiner Kollegen. Zweifellos wurde Illgner für seine Leistung akzeptiert, ins Herz geschlossen hat ihn im fußballverrückten Madrid kaum jemand. Entsprechend gering war die Reaktion auf Illgners Genesung. Weder die Fans, noch die Presse, noch die Mannschaftskameraden fordern seine Rückkehr ins Tor. Vielmehr spekulierten die Medien mit der Rückkehr des 31-Jährigen zu seinem Heimatverein 1. FC Köln. Dessen Manager Hannes Linßen dementiert: "Wir haben weder mit Bodo Illgner gesprochen, noch an ihn gedacht."

Illgners Version läßt sich nur auf den paar Metern zwischen Trainingsplatz und Umkleidekabine erfragen. "Herr Illgner, spielen Sie in der nächsten Saison immer noch für Real Madrid?" Bodo Illgner verlangsamt seinen Schritt, wischt sich mit dem Rücken seines pfannengroßen Handschuhs einen Grashalm aus der Stirn und lächelt freundlich. "Ich gebe überhaupt keine Interviews." Sagts und verschwindet im Kabinengang. Die umstehenden spanischen Journalisten grinsen über beide Ohren. "Der Illgner ist ein bisschen seltsam, oder?"

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