Sport : Ein Weltmeister in Berlin

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Von André Görke

Berlin. Donnerstagmorgen, kurz vor acht Uhr, Flughafen Tegel: „LH 1688 – landed“. Vor dem Flugsteig drängeln sich Fotografen, zwei Kamerateams, Reporter. Sie erwarten den brasilianischen Nationalspieler Luizao, der am Vormittag einen Vertrag beim Fußball-Bundesligisten Hertha BSC unterschreiben soll. Es heißt, er sitze in einer Maschine aus Frankfurt am Main. Oder aus Paris. Genau weiß das niemand. Nur dass er kommt, das ist klar. Drei, vier Maschinen, in denen Luizao sitzen könnte, landen in diesen zwei Stunden, Fluggäste kommen aus dem Gate. Nur Luizao nicht. Dann tut sich was. „Schönen guten Morgen.“ Eberhard Diepgen kommt, Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister. Er bringt seine Familie zum Flughafen, doch wegen ihm sind die Fernsehteams nicht gekommen. Die Kameras werden wieder ausgeschaltet. Das Warten beginnt vor dem nächsten Flugsteig.

Luizao war zu diesem Zeitpunkt längst auf dem Weg in die Innenstadt. Gesehen haben ihn nur Stewardessen und der Bundesgrenzschutz. Ja, Hertha habe so einen Fußballer aus der Maschine geholt, erzählt eine Sicherheits-Angestellte. „Die sind mit dem Wagen direkt auf das Rollfeld gefahren.“ Fast war es wie bei einem Staatsbesuch mit höchster Sicherheitsstufe.

Jetzt aber ist das Versteckspiel von Hertha BSC beendet. Dass der Klub mit dem 27-jährigen Stürmer verhandelte, war klar. Das hatte Herthas Manager Dieter Hoeneß zugegeben. Nur wann er kommt, wurde nicht verraten. Die Verpflichtung des Stürmers sollte eine Überraschung sein. Am Donnerstagnachmittag feierte Hertha BSC in der Ehrenhalle am Olympiastadion seinen 110. Geburtstag. Um 15.51 Uhr sagte Manager Dieter Hoeneß, dass der Klub ja auch mal mit der Meisterschale durch das Brandenburger Tor fahren wolle, und ein Mann, der dabei helfen könne, sei ... Und dann stand er da, und hielt ein Hertha-Trikot mit der Nummer neun in der Hand: Luizao. Über einen Dolmetscher ließ er mitteilen: „Ich hoffe, dass ich viele Tore schießen werde und dem Verein viel Freude bereiten werde.“

Es war ein Glückstag gestern für Hertha, und das gilt auch für die Jubiläumsfeier, bei der Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit als Gratulant sagte: „Die Stadt ist arm, mehr als Sympathien können wir dem Verein nicht schenken. Aber davon geben wir reichlich.“ Vor der Jubiläumsfeier hatte ein Arbeiter eine Glasplatte aus der Decke getreten, die in alle Einzelteile zersplitterte. Der Arbeiter verletzte sich, ansonsten aber blieb der Vorfall ohne Folgen.

Später, bei der Pressekonferenz, hatte sich der Schreck schon wieder gelegt. Herthas Manager saß neben Luizao, scherzte ein wenig und klopfte seinem neuen Stürmer lachend auf den Rücken. „Ich freue mich neben den Feierlichkeiten noch einen weiteren Höhepunkt zu präsentieren“, sagte Hoeneß. „Luizao hat heute morgen um zehn Uhr seinen Vertrag unterschrieben. Es ging alles ziemlich schnell.“ Zwei Stunden nach der Unterschrift wurde Luizao schon zum Fotografen geschickt. Wegen der Autogrammkarten. „Sein Vertrag aber beginnt erst am 1. August“, sagte Hoeneß. Bis zum 31. Juli steht der Stürmer noch bei Gremio Porto Alegre unter Vertrag. „Ob er bis dahin bei uns schon mittrainieren darf, werden wir prüfen. Falls er das nicht darf, wird er sich eben vier, fünf Tage fit halten.“ Beim Ligapokal-Spiel in Aue durfte er gestern auch nicht mitspielen. Das wäre auch zu früh gekommen. „Er ist jetzt sehr, sehr müde“, sagte Hoeneß.

Dabei kennt der Brasilianer den Reisestress nach Europa. Bereits im März war Luizao für einige Stunden nach Berlin gereist und hatte mit Manager Hoeneß verhandelt. Doch da verpokerten sich der Brasilianer und sein Berater Thiago Granato. Zehn Millionen Dollar hatten sie für einen Vier-Jahres-Vertrag gefordert. Schließlich hätten auch Español Barcelona, Betis Sevilla und Lazio Rom Interesse gehabt. Doch als diese Klubs absprangen und Luizao noch immer ohne Arbeitgeber dastand, verbesserte sich Herthas Position. In Berlin hat er nun einen Vier-Jahres-Vertrag unterschrieben. Sein Jahresgehalt soll bei etwa 2,5 Millionen Euro liegen.

Während der Weltmeisterschaft in Asien hatte Hoeneß engen Kontakt zu Luizaos Berater Thiago Granato. Bei der WM wurde der Stürmer jedoch nur zwei Mal eingewechselt und fiel in den beiden Spielen gegen die Türkei nicht sonderlich auf. Dennoch: In seiner Karriere erzielte Luizao immerhin 291 Tore in 356 Spielen. In der Nationalmannschaft Brasiliens kam er auf insgesamt elf Einsätze. Der Stürmer hatte sich im Frühjahr wegen ausstehender Gehaltszahlungen erfolgreich aus dem Vertrag bei Corinthians Sao Paulo geklagt und konnte deshalb bei Gremio Porto Alegre mit einer Option spielen. Diese besagte, dass er im Sommer ablösefrei wechseln darf. Für Herthas Manager war dieser Fakt natürlich nicht uninteressant. Neben Bartosz Karwan von Legia Warschau und Arne Friedrich von Arminia Bielefeld ist Luizao nun Herthas dritter neuer Spieler.

Natürlich wird er als Stürmer an Toren gemessen werden. „Ich habe aber noch nie versprochen, wieviel Tore ich schießen werde“, sagte Luizao. „So etwas weiß nur Gott.“ Hoeneß lächelte. Dann mussten sie auch schon wieder los. Um 17 Uhr ging es mit dem Hubschrauber nach Aue zum Liga-Pokal-Spiel gegen die Bayern. „Luizao hat gesagt, dass er seine Kollegen unbedingt live sehen will“, sagte Manager Dieter Hoeneß. Und schlafen? Am späten Abend, vielleicht.

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