Sport : Ein Weltmeister, kein Champion

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Christian Hönicke über die verpasste Chance des Michael Schumacher

Nachdem Michael Schumacher im vergangenen Jahr seinen vierten WM-Titel geholt und dabei fast alle wichtigen Formel-1-Rekorde gebrochen hatte, wurde er gefragt, was ihn denn jetzt noch am Rennsport reizen würde. Die Rad-an-Rad-Duelle, hatte er geantwortet, der Nervenkitzel, der Kampf Mann gegen Mann.

Nach dem Großen Preis von Österreich sollte man dem Ferrari-Star diese Frage noch einmal stellen. Es gibt keinen Kitzel mehr. Ferrari ist so überlegen, dass Schumachers einziger ernst zu nehmender Rivale sein Teamkollege Rubens Barrichello ist. Doch spätestens, seit der Brasilianer gestern zum letzten Mal auf die Start-Ziel-Gerade des A1-Rings einbog, kann man selbst das nicht mehr behaupten. Barrichello ist kein Konkurrent, er ist Erfüllungsgehilfe. Gestern musste er seinen Chef Schumacher wenige Meter vor der Zielflagge passieren lassen.

Das war für den Brasilianer keine neue Erfahrung. Vor einem Jahr war genau an dieser Stelle das Gleiche passiert, damals ging es allerdings nur um Platz zwei. Dem Team kann man in dieser Hinsicht keine Vorwürfe machen, es hat den im WM-Rennen aussichtsreichsten Fahrer unterstützt. Eine andere Entscheidung wäre töricht gewesen. Man stelle sich nur vor, Schumacher hätten die Punkte von Spielberg am Ende des Jahres zum WM-Titel gefehlt.

In der vergangenen Saison wäre Barrichello an dieser Bevormundung fast zerbrochen. In diesem Jahr schien er drauf und dran, Schumacher zu schlagen. Er redete bereits wieder zaghaft von seinem großen Traum, mit Ferrari Weltmeister zu werden. Seit Spielberg 2002 weiß er nun endgültig, dass das erst nach dem Karriereende Michael Schumachers möglich sein wird.

Mag sein, dass sich der Deutsche dann bei einem Blick auf seine Statistik wünscht, zumindest einen Sieg weniger errungen zu haben. Dafür spricht jedenfalls, dass er schon kurz nach dem Rennen wenig glücklich über den geschenkten Sieg wirkte und Barrichello bei der Siegerehrung gar seinen Pokal schenkte. Doch da war es bereits zu spät.

Sicher, der fünfte WM-Titel dürfte Michael Schumacher nach seinem fünften Sieg in dieser Saison kaum noch zu nehmen sein. Damit wird er dann auch statistisch der beste Rennfahrer aller Zeiten sein. Die Chance allerdings, ein wirklich großer Champion zu werden, hat Schumacher gestern in der letzten Runde des Großen Preises von Österreich verpasst. Dafür hätte er nur einmal auf die Bremse treten müssen.

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