Sport : Ein Wintermärchen

Als erster Deutscher nach fast 13 Jahren gewinnt Max Rauffer ein Weltcuprennen

Jürgen Roos[Gröden]

Eine Stunde. Bei minus vier Grad im Schatten. Eine Stunde frieren. Und zittern. Es gibt angenehmere Dinge, die man sich an einem strahlenden Wintertag in den Dolomiten vorstellen kann. Wer Max Rauffer stehen sah in der Kälte im Zielbereich der legendären Saslong-Abfahrtsstrecke von Gröden, durfte bezweifeln, ob der 32-jährige Skirennläufer aus Fischbachau begriff, welche Sensation er soeben vollbracht hatte. Erst als seine Frau Gabi in die Mixedzone vorgedrungen war und ihm einen Kuss auf den Mund drückte, ist Rauffers Durchblutung wieder in Schwung gekommen.

Es dürfte ihm langsam bewusst geworden sein, dass er der erste deutsche Abfahrtssieger unter dem Langkofel sein würde. Der erste Deutsche seit fast 13 Jahren, der überhaupt mal wieder einen Weltcup gewonnen hat. „Ein wunderschönes Gefühl“, sagte Rauffer, „die Siegerehrung, die Stimmung, ich habe alles genossen und in mich aufgesaugt.“ Ein Wintermärchen. Vor genau einem Jahr hatte sich Rauffer bei der Landung nach dem ersten Sprung auf der Saslong-Piste das Kreuzband im rechten Knie gerissen und war gestürzt – ein weiterer Rückschlag in einer Karriere voller Verletzungen, die den Sportsoldaten erst einmal bei einem Weltcup aufs Podest geführt hatte. Im Jahr 2000 war Rauffer bei der Abfahrt im norwegischen Kvitvjell Dritter geworden. „In Gröden habe ich einen der bittersten Tage erlebt und jetzt den schönsten“, sagte Rauffer bewegt.

Ohne sich an den zum Teil stürmischen Winden zu stören, hatte sich Rauffer mit der Startnummer 13 aus dem auf 2167 Meter hinunter verlegten Starthäuschen gestürzt. Hatte den für ihn schicksalsträchtigen ersten Sprung schadlos überstanden, die Kamelbuckel elegant überquert und die Einfahrt in die Ciaslat-Wiese optimal erwischt. Als er im Ziel den bis dahin führenden Norweger Kjetil-Andre Aamodt um 0,67 Sekunden abgehängt hatte, riss Rauffer (1:50,59 Minuten) erstmals beide Arme in die Höhe. Dann begann das große Warten.

Die Favoriten standen alle noch am Start, doch nur der zweitplatzierte Schweizer Jürg Grünenfelder und der drittplatzierte Österreicher Johann Grugger kamen ihm noch nahe. Der Gesamtweltcup-Führende Bode Miller? Um 1,26 Sekunden abgehängt. Hermann Maier? Landete nach einem Fahrfehler mit 2,23 Sekunden Rückstand auf Platz 37.

Nach dem Rennen war von dem unberechenbaren Wind die Rede, dem die Stars zum Opfer gefallen seien. „Ich kann nicht sagen, wie der Wind war“, sagte Rauffer. Er habe sich voll auf sein Rennen konzentriert und die „sicherlich günstigen Bedingungen“ genutzt. Ein Unterlegener nahm es sportlich. „Der Wind hat es schwer gemacht zu gewinnen, ich würde das aber nicht als unfair bezeichnen“, sagte Bode Miller.

Es war ein glücklicher Tag für die gesamte Familie Rauffer. Max Rauffers Frau Gabi nutzte geistesgegenwärtig ihr Zugangsticket zum Zielbereich und ließ sich ein Autogramm auf ihren Handschuh kritzeln. Von Bode Miller.

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