Sport : Ein zackiges K.o.-Duell

Snowboarder wie Amelie Kober haben nun die Chance, gleich zwei Olympiamedaillen im Torlauf zu gewinnen.

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Der Winter ist jung geworden. Neben den klassischen Wintersportarten wie Rodeln, Langlauf oder Skispringen hat sich eine neue Generation von Wintersportarten entwickelt. Sie sind als Lifestyle-Disziplinen gestartet, inzwischen aber schon teilweise im durchorganisierten und standardisierten olympischen Programm gelandet. Über die neuen Sportarten im Spannungsverhältnis zwischen Jugendlichkeit und olympischem Anspruch berichten wir in unserer Serie Neuschnee. Heute Folge 1: Snowboard-Parallelslalom.

Es ist laut bei Amelie Kober. Der ein Jahr alte Sohn der Snowboarderin hat Gefallen an einem Spielzeug gefunden, aus dem eine schrille Melodie plärrt. „Egal wo ich es verstecke, er findet es immer wieder“, klagt die 24-Jährige. Die üblichen Sorgen einer Jungmutter – dabei müsste sich Deutschlands bekannteste Snowboarderin gerade besonders auf ihren Sport konzentrieren. Denn neben dem Parallelriesenslalom, in dem sie 2006 in Turin als 18-Jährige sensationell Silber bei den Olympischen Spielen gewann, ist nun auch der normale Parallelslalom olympisch.

Er ist einer von insgesamt acht neuen Wettbewerben, mit denen das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Winterspiele in Sotschi 2014 aufgestockt hat. Damit wertet Olympia sich und die neuen Disziplinen auf, die vor allem aus dem jugendlich-alternativen Snowboard und Free-Ski-Bereich kommen, holt sich aber auch mehr Spannung und Risiko ins Programm und verändert die jeweilige Sportszene nachhaltig. Dafür gibt es im Parallelslalom der Snowboarder noch viel zu tun, auch für Amelie Kober.

Beim letzten Weltcup im italienischen Carezza wurde sie Zweite im Riesenslalom und 13. im Slalom. „Es sollte eigentlich so sein, dass wir beide Disziplinen je zu fünfzig Prozent trainieren“, sagt Kober. „Aber da bisher nur Riesenslalom olympisch war, gab es dort mehr Wettkämpfe und wurde gerade in der Vorolympiazeit mehr trainiert.“

So unterschiedlich sind beide Disziplinen an sich nicht. Bei beiden brettern zwei Snowboarder oder Snowboarderinnen parallel zueinander eine Piste herab. Sie müssen wie Skislalom-Fahrer Tore passieren. Ziel ist es, am Ende schneller zu sein als der Konkurrent auf der Strecke nebenan, um sich im K.o.-Duell für die nächste Runde zu qualifizieren. „Der Torabstand, die Strecke und die Laufzeit sind wesentlich kürzer“, erklärt Kober den Unterschied. „So ist es viel zackiger und knackiger.“

Für die Athleten bedeutet es in erster Linie, an der Schnellkraft zu arbeiten. Das klappt bei Kober, außer in Carezza, schon ganz gut: Vor den Slalom-Weltcuprennen am Freitag und Sonntag in Österreich ist sie Dritte in der Gesamtwertung. Für das ungeschulte Auge ist der Unterschied nicht groß, aber „man hat sicherlich vorher überprüft, ob Interesse für diese Trendsportarten da ist“, sagt Kober. Das Interesse des IOC ist auf jeden Fall vorhanden. „Man kann damit mehr ganz junge Menschen begeistern für den olympischen Gedanken“, formuliert es Kober.

Das war bei ihr nicht nötig. Seit sie 1994 als Kind länger aufbleiben durfte, um die Spiele in Lillehammer am Fernseher zu verfolgen, ist sie infiziert. Und freut sich, bald zwei in Wettbewerben starten zu können, „das ist super, ganz toll und wertet die ganze Sportart auf.“ Bisher habe man bei Winterspielen nur einen Tag gehabt, um eine Medaille zu gewinnen, der kleinste Fehler bei einem von bis zu zehn Rennen, und das Podest war verpasst. Die zweite Olympia-Disziplin ändert aber noch mehr. „Der Snowboardverband lebt hauptsächlich von öffentlichen Fördergeldern und die gibt’s natürlich nur für olympische Disziplinen“, sagt Kober. „Wenn wir bei einer WM oder Junioren-WM den Titel im Slalom geholt haben, war das zwar schön, aber hat für die Förderung, den Verband und den Sport insgesamt nicht viel gebracht.“

Dabei ist gerade ein relativ neuer Wintersport wie Snowboard auf die öffentliche Beachtung durch Olympia angewiesen. „Wir haben recht wenig Fernsehzeiten, die Winterspiele sind eines der wenigen Großereignisse, wo wir medial mehr Aufmerksamkeit erhalten“, sagt Kober. Durch die zweite Disziplin soll es gerne noch ein Stück mehr werden.

Die Oberbayerin aus Fischbachau ist selbst das beste Beispiel dafür, wie das Spiel mit Olympia funktioniert. Als letzte von nur drei deutschen Medaillengewinnern auf dem Snowboard, das mit einigen Wettbewerben seit 1998 olympisch ist, ist sie die einzige bekannte Athletin ihres Sports hierzulande. Beachtung findet man über die Winterspiele hinaus nur abseits des Sports. Kober machte Schlagzeilen, als sie nach Vancouver 2010 bekannt gab, schwanger zu sein. Und nach ihrem Comeback mit einem dritten Platz im Riesenslalom im Dezember, als sie fragte: „Bin ich jetzt die erste Snowboard-Mama auf dem Podium?“ Sie hoffe, ausschließlich für Sportliches wahrgenommen zu werden, sagt Amelie Kober.

Dabei hat sie auch die Schattenseiten der Aufmerksamkeit kennengelernt. Nicht, dass ihr Sport durch die Annäherung an Olympia das Alternative verliere. „Da muss man zwischen Slopestyle und Slalom unterscheiden“, sagt sie. „Bei uns geht es um die Zeit, das hat nichts mit alternativ oder Style zu tun.“ Auch die Reduzierung aufs Risiko sei trotz des Parallel-Fahrens gering. „Mir ist schon einmal eine reingefahren, aber ich war nicht schlimm verletzt.“ Das sei eben Berufsrisiko und mache den Reiz der Sportart aus, außerdem seien Skicross und Boardercross enger und gefährlicher.

Anstrengender war es, nach ihrer Silbermedaille 2006 öffentlich von Termin zu Termin herumgereicht zu werden. „Seit ich am Wettkampftag morgens aufgestanden war, war es ein dreimonatiger Olympiarausch“, erinnert sie sich. „Später merkt man dann erst, dass man mit 18 davon einfach überfordert ist.“ Über Doppelgold 2014 würde sie sich aber trotzdem freuen. Wenn ihr Sohn sie bis dahin trainieren lässt. Nächste Folge: Skicross

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