Sport : Ein Zug zu wenig

Wie ein 17-Jähriger die deutsche Schach-Meisterschaft verspielte

Martin Breutigam

SCHACHZÜGE

Saarbrücken. Für die ersten 40 Züge einer Schachpartie stehen jedem Turnierspieler zwei Stunden Bedenkzeit zur Verfügung. Der 17-jährige Arkadij Naiditsch, in die Weltspitze drängender Großmeister aus Dortmund, glaubte schon 40 Züge gemacht zu haben. Deswegen schaute er nun, während seiner neunten und letzten Partie bei den deutschen Meisterschaften in Saarbrücken, in Ruhe auf das Brett, vor dem saß. Er hatte sich in den vorangegangenen vier Stunden in eine Position manövriert, die im Grunde leicht zu gewinnen war. Gewiss würde ihm der Kölner Florian Handke nach etwa fünf weiteren Zügen die Hand reichen und aufgeben. Damit wäre Naiditsch Deutscher Meister geworden, vor Thomas Luther und außergewöhnlichen Spielern wie Rustem Dautov, Robert Hübner oder Artur Jussupow.

Doch es kam anders. In Wirklichkeit waren erst 39 Züge geschehen, und Naiditsch vergaß in diesem alles entscheidenden Moment, dass er vor der Zeitkontrolle noch einen Zug ausführen musste. Die Sekunden zerrannen, aber der Elftklässler zog nicht – und wurde durch Zeitüberschreitung aus allen Träumen gerissen. Seine Enttäuschung über diese vermeidbare Niederlage und den vierten Platz in der Schlusstabelle hatte er indessen bald überwunden. „So etwas ist mir noch nie passiert, es war doch so einfach. Ich habe überhaupt zum ersten Mal in meinem Leben auf Zeit verloren." Von Naiditschs Malheur profitierte auch Großmeister Thomas Luther: Mit sieben Punkten sicherte sich der Erfurter zum zweiten Mal nach 1993 den Meistertitel und 6000 Euro Preisgeld. Der 33-Jährige räumte ein, dass ein wenig Glück im Spiel gewesen sei. Außerdem habe er gegen Naiditsch „glatt verloren“. Zu Recht stolz war er jedoch auf seinen Sieg in der Vorschlussrunde gegen Hübner. „Ich hatte mir vor dieser Partie vorgenommen zu verwickeln, wo es nur geht. Denn es ist ja ganz klar, dass mir Robert schachlich überlegen ist.“ Tatsächlich überliste Luther den Altmeister in kreativem Opferstil. Zweiter wurde wie im Vorjahr Florian Handke (6,5 Punkte). Der 20-Jährige hat damit alle Normen für den Großmeistertitel erfüllt.

R. Hübner – T. Luther (8. Runde) 1. c4 c6 2. e4 d5 3. exd5 Sf6 4. Da4 e6 5. dxe6 Lc5 6. Sf3 Sg4 7. d4 Lxd4 8. Sxd4 Dxd4 9. Dc2 Sa6 10. Sa3 Lxe6 11 .h3 Sb4 12. Dd2 De4+ 13. Le2 Dxg2 14. Tf1 Sh2 15. Dxb4 0-0-0 16. Sb5 cxb5 17. Lf4 Dxf1+ 18. Lxf1 Sf3+ 19. Ke2 Sd4+ 20. Kd2 Sc6+ 21. Dd6 Txd6+ 22. Lxd6 Lxc4 23. Kc3 Td8 24. Lf4 Lxf1 25. Txf1 b4+ 26. Kc2 Td5 27. .Le3 Kd7 28. Tg1 g6 29. Tg4 a5 30. Th4 h5 31. Tf4 f5 32. h4 b5 33. Tf3 Sd4+ 34. Lxd4 Txd4 35. Td3 Txd3 36. Kxd3 g5 37. hxg5 h4 38. Ke2 f4 39. f3 Ke6 40. Kf2 Kf5 41. Kg2 Kxg5 42. Kh3 Kh5 43. Kg2 Kg6 44. Kh2 Kf6 45. Kh3 Ke5 46. Kxh4 Kd4 0:1.

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