Sport : Eine Auszeit ist zu Ende

Kapitän Patrick Vieira führt Frankreich zum ersten WM-Erfolg seit 1998

-

Ein besonderer Abend verlangt nach besonderen Gästen. Patrick Vieira hat sie anlässlich seines 30. Geburtstags in die Kabine gebeten. Es ist schon 17 Minuten nach Mitternacht, da spazieren sie hintereinander durch die Katakomben des Stadions von Köln-Müngersdorf. Erst Arsène Wenger, Trainer des FC Arsenal, dann Denis Bergkamp, sein langjähriger Kapitän. Als Letzter Patrick Vieira, neun Jahre lang hat er mit den beiden anderen in London zusammengearbeitet. Er hat einiges zu feiern: neben seinem Geburtstag noch das 117. Länderspiel, damit ist er Frankreichs Rekord-Nationalspieler. Und natürlich sein Tor, das kurz nach der Pause den 2:0-Sieg über Togo einleitete und Frankreich im Turnier hielt, aber hatte daran jemand ernsthaft gezweifelt? Non, Vieira schüttelt den Kopf, „wir sind eine selbstbewusste und gute Mannschaft. Wir wissen, was wir können.“

Vieira trägt einen dunklen Anzug, der Hemdkragen ist geöffnet, der Schlips nachlässig gebunden. Er strahlt Zufriedenheit aus nach diesem ersten Sieg in einem WM-Spiel seit dem 3:0 gegen Brasilien im Finale von St. Denis, acht Jahre ist das her. Damals war Vieira noch Reservist, im Finale durfte er ein paar Minuten mitspielen. Am Freitag lief nichts ohne ihn. In Abwesenheit des gesperrten Zinedine Zidane dirigierte Vieira das Spiel und gab seinen Kollegen die nötige Ruhe, als trotz bester Chancen kein Tor fallen wollte. Das 1:0 schoss er selbst, das zweite legte er Thierry Henry auf. „Mir hat gefallen, dass wir weiter Fußball gespielt haben und nicht sinnlos aus 40 Metern aufs Tor geballert haben“, sagt Henry später. Ein Kompliment für Vieira, den 191 Zentimeter langen Strategen, der auf dem Platz alles ist, aber nie hektisch.

„Ich habe ja schon vor ein paar Wochen gesagt, dass Patrick einer der ganz Großen des Weltfußballs ist“, sagt Trainer Raymond Domenech nach dem Spiel. „Manchmal braucht es halt seine Zeit, bis man sieht, dass ich Recht habe.“ Zehn Tage hat es bei dieser WM gedauert, denn in den ersten beiden Spielen war von Vieira nicht viel zu sehen. Es ist ihm nicht viel Gutes widerfahren, seit er Arsenal im vergangenen Sommer verlassen hat. Die Fans dort hatten ihm ein Lied gewidmet, gesungen zur Melodie von „Volare“: „Vieira, oho! He comes from Senegal and plays for Arsenal!“ Da hat er sich gefühlt wie der kleine Patrick, der als Achtjähriger mit seinen Eltern aus Senegal nach Frankreich übersiedelte.

Arsenal und Vieira, das war eine emotionale Beziehung. Trainer Wenger beendete sie mit der Bemerkung, die Zukunft in Arsenals Mittelfeld sei verplant, in Gestalt des 18-jährigen Spaniers Cesc Fabregas. Also ging Vieira zu Juventus Turin und wurde gleich Meister, doch der sportliche Erfolg steht im Schatten der Manipulationsaffäre. Juventus wird wohl in die zweite Liga zurückgestuft werden. In der Champions League schieden die Turiner im Viertelfinale aus, ausgerechnet bei Arsenal. Auch wenn ihn die Fans mit minutenlangem Beifall begrüßten, war die Rückkehr demütigend für Vieira. Der schmächtige Fabregas spielte ihn in Grund und Boden, und Wenger sah sich bestätigt in seiner Einschätzung zu Vieiras Abschied: „Je ne regrette rien“, ich bedauere nichts.

Vieira weiß noch nicht, wo er im nächsten Jahr spielen wird. Im Mai hat er Turin erst einmal verlassen und musste während eines Kurzaufenthalts in Cannes gleich den nächsten Schlag einstecken. Diebe überfielen seine Villa und betäubten Vieira samt Familie mit Schlafgas. Nach gründlicher medizinischer Untersuchung kehrte er zum Nationalteam zurück, aber es wollte ihm nichts gelingen.

Im ersten WM-Spiel gegen die Schweiz lief alles an ihm vorbei, im zweiten gegen Südkorea war es ein wenig besser, aber zu allem Überfluss erkannte der Schiedsrichter ein Kopfballtor von ihm nicht an. Für viele Franzosen war es kein gutes Zeichen, dass Vieira das Team als Kapitän gegen Togo führen sollte. Als er kurz vor Schluss für Diarra vom Platz ging, verabschiedeten ihn die Fans mit Ovationen. Diese Auswechslung hat in den Katakomben noch ein Nachspiel. Vieira hatte die Kapitänsbinde Claude Makelele gegeben, der reichte sie weiter an Fabien Barthez, aber auch der Torwart vermochte zunächst nichts damit anzufangen. Übernimmt denn keiner Verantwortung, wollen die französischen Reporter wissen, und jetzt wird Vieira böse: „Sucht jetzt nicht irgendwas Schlechtes, denkt daran, dass wir uns auf ein schweres Spiel vorbereiten müssen.“ Im Achtelfinale geht es gegen die starken Spanier und für Vieira im persönlichen Duell wieder gegen Fabregas. Eigentlich ein Grund für die Herren Wenger und Bergkamp, am Dienstag in Hannover vorbeizuschauen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar