Sport : Eine Bayerin in Hohenschönhausen

Christian Hönicke

Stolz hält Anni Friesinger ihre rechte Hand in die Luft. "Das ist der Ehrenring, den mir die Stadt Inzell überreicht hat", sagt sie. In Bayern ist die zweimalige Eisschnelllauf-Weltmeisterin ein Star und ein großer Sympathieträger. Im Osten Deutschlands hat sich die 24-Jährige zuletzt nicht ganz so viele Freunde gemacht. In einem Interview kritisierte sie unlängst die Mentalität ihrer Eisschnelllauf-Kolleginnen aus Erfurt und Berlin. Von Arbeits- und Zweckgemeinschaften, in denen nicht gelacht wurde, war da die Rede, von engstirnigen Trainingssystemen und "einer Atmosphäre, in der ich eingehen würde". An diesem Wochenende tritt Anni Friesinger im Sportforum Hohenschönhausen in Berlin zu den deutschen Meisterschaften an. Das Sportforum war eines der beiden Leistungszentren der DDR-Eisschnellläufer. Da wirken Zeit und Ort für eine Entschuldigung fast zu perfekt gewählt. Das sei damals alles völlig falsch rübergekommen, beteuert Anni Friesinger. Außerdem sei das Gespräch nur bruchstückhaft wiedergegeben worden. Sie hätte nur ausdrücken wollen, wie wohl sie sich in Inzell fühle und dass sie von dort auf gar keinen Fall weg möchte.

Doch die Kolleginnen hatten sich damals schon sehr geärgert. "Ich glaube nicht, dass es einem Sportler zusteht, die Trainingsmethoden anderer zu kritisieren", hatte Gunda Niemann-Stirnemann gesagt. Auf den großen Eislaufstar aus Thüringen wird Anni Friesinger in Berlin jetzt nicht treffen. Die Erfurterin legt eine Babypause ein und wird auch nicht an den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City teilnehmen. "Sie wird mir persönlich sehr fehlen", sagt Friesinger. "Sie war immer ein Medaillengarant, ein Zugpferd für unseren Verband."

Der Einschätzung wird man bei der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft kaum widersprechen können, denn die DESG steht so kurz vor Olympia ohne Hauptsponsor da. Anni Friesinger dagegen hat gerade den Vertrag mit ihrem persönlichen Sponsor um zwei Jahre verlängert. Ihre Ausstrahlung und ihre Rolle als Sympathieträgerin hätten den Ausschlag hierfür gegeben. Aber auch ihre Leistung. "Ich bringe das, was man von mir erwartet", sagt die Weltrekordhalterin über 1500 Meter.

In dieser Saison soll alles noch viel besser laufen - ohne die leidigen Wirbelsäulenschmerzen. Bei den Olympischen Spielen möchte sie am liebsten gleich bei vier Disziplinen an den Start gehen. "Ich schließe diese Möglichkeit nicht aus", sagt Anni Friesinger. Die Inzellerin könnte im Olympic Oval von Salt Lake City über 1000, 1500, 3000 und 5000 m antreten: "Das hängt aber davon ab, wie es auf den einzelnen Strecken läuft."

Ein erster Härtetest für Olympia steht heute mit den Deutschen Meisterschaften über die Einzelstrecken an, bei denen sie als haushohe Favoritin über ihre Lieblingsdistanz, die 1500 m, antritt. Mit neuen Schuhen, deren Kufen als Reminiszenz an Formel-1-Wagen aus Carbon bestehen. Das bringt eine Gewichtsersparnis von ein paar Gramm - und Kosten im fünfstelligen Bereich. Dafür zahlt bei Anni Friesinger der Sponsor. Entwickelt wurden die futuristischen Schuhe im Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) - eine Errungenschaft der Deutschen Demokratischen Republik.

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