Sport : Eine besondere Note

Beim Eiskunstlaufen soll die 6,0 bald verschwinden – und das Bewertungssystem gerechter werden

Frank Bachner

Dortmund. Wenn Jayne Torvill und Christopher Dean übers Eis tanzten, dann schienen sie in einer eigenen Welt zu sein. Ihre Vorstellung war so elegant und ästhetisch, dass die Fans verzückt waren. Als die Kür vorüber war, kamen die Wertungen dafür meistens nicht überraschend: 6,0. Ausschließlich 6,0. Nur Höchstnoten. Besser kann man im Eiskunstlauf niemanden bewerten.

Torvill/Dean waren diese Verehrung gewohnt, ob sie nun zu Ravels „Bolero“ tanzten oder Gershwins „Summertime“. Niemand in der Geschichte des Eiskunstlaufs erhielt so viele 6,0-Noten wie dieses Eistanzpaar aus England. Insgesamt 136 Mal, 56 Mal allein bei Weltmeisterschaften. Vor rund 20 Jahren prägten sie den Eistanz. Ihre Bestmarke ist eine für die Ewigkeit. Nach der WM in Dortmund wird die 6,0 als Note voraussichtlich abgeschafft. Im Juni, beim Kongress der Internationalen Eislauf-Union (ISU) soll erst das Ende eines Markenzeichens beschlossen und dann ein neues Wertungssystem eingeführt werden. Eine Zwei-Drittel-Mehrheit benötigt ISU-Präsident Cinquanta dafür, er wird sie wohl bekommen.

Fraglich nur, ob das neue System etwas bringt. „Das neue System ist gut, aber nicht perfekt“, sagte der ISU-Chef schon mal vorsorglich. Volker Waldeck, langjähriger Preisrichter aus Dortmund, wird deutlicher: „Absprachen kann ich auch in Zukunft nicht ausschließen.“ Und genau das ist der Punkt. Es geht schließlich um mehr Gerechtigkeit im Eiskunstlauf. Die Mauscheleien hinter den Kulissen sollen verschwinden. Nach dem Olympia-Skandal von Salt Lake City beschwerten sich Sportler, Funktionäre und Medien so laut, dass niemand mehr weghören konnte. Damals hatte die französische Preisrichterin Marie-Reine Le Gougne zugegeben, dass sie einem russischen Paar die Goldmedaille zugeschoben hatte. Dafür belohnte der russische Preisrichter ein französisches Eistanzpaar.

Deshalb muss das System mit der 6,0 weg. Zu ungerecht. Das neue System wirkt auf den ersten Blick gerechter. Die A- und B-Note, in denen der technische und künstlerische Eindruck zusammengefasst wurden, fallen weg. Stattdessen erhält jedes Element, jeder Sprung nach einem komplizierten Schlüssel eine eigene Punktzahl. Am Ende wird es eine Gesamtpunktzahl geben. Wer die meisten Punkte hat, ist Sieger.

Die Chance zur Manipulation ist aber immer noch da. Auch künftig können Preisrichter einen Sprung völlig unterschiedlich bewerten. Von plus drei (für den optimalen Sprung) bis minus drei ist alles möglich. Der am stärksten subjektiv bewertete Teil, der künstlerische Eindruck, lässt unverändert viel Spielraum. Er wird nur nach einem neuen System bewertet. Die Punkte für den künstlerischen Eindruck machen weiterhin 50 Prozent der Gesamtwertung aus. Hier sind die größten Manipulationen möglich.

Wenn sich Preisrichter absprechen, dann werten sie einen Läufer in diesem Bereich gnadenlos hoch oder runter. Diese Gefahr sieht auch Waldeck. Generell sagt er: „Die frühere Sowjetunion ist zwar auseinander gefallen, aber es kann immer noch sein, dass Preisrichter aus den jetzt unabhängigen Ländern der ehemaligen UdSSR dem alten Denken verhaftet sind.“ Im Klartext: Dass für sie Absprachen üblich sind.

Ein anderes Mittel gegen Manipulationen greift nicht richtig. Nach Salt Lake City wurde die Zahl der Preisrichter auf 14 erhöht. Ein Zufallsgenerator sortiert die Wertungen von fünf Preisrichtern aus. Deren Noten erscheinen gar nicht mehr auf der Anzeigentafel. Das soll Absprachen sinnlos machen. Nur nützt der Zufallsfaktor wenig, solange die Preisrichter abenteuerlich unterschiedliche Noten vergeben. Bei der Europameisterschaft in Budapest etwa erhielten die deutschen Paarläufer Eva-Maria Fitze und Rico in der A-Note im Kurzprogramm Werte zwischen 3,9 und 5,2.

Es steht zu befürchten, dass in Dortmund ähnlich verfahren wird. Dann kann der Zufallsgenerator fatale Folgen haben. Wenn etwa zufällig die fünf höchsten Noten nicht ausgewählt werden und nur die schlechteren offiziell registriert werden, kann das zur Wettbewerbsverzerrung führen. Von den neun Noten, die an der Anzeigentafel auftauchen, werden nochmal die zwei besten und die beiden schlechtesten aussortiert.

Aber 14 Preisrichter wird es auch beim neuen Punktesystem geben. ISU-Präsident Cinquanta macht da wenig Hoffnung auf größere Änderungen. „Sicherlich wird es noch kosmetische Änderungen geben“, sagte er. Kosmetische – nicht substanzielle.

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