Sport : „Eine einzigartige Katastrophe“

Als der Kritiker noch kickte: Günter Netzer über die größte deutsche Fußball-Blamage – 1967 in Albanien

-

Herr Netzer, welche Erinnerungen haben Sie an den 17. Dezember 1967?

Oh, je! Sie meinen das 0:0 in Tirana. Wir wussten, dass uns dieser Tag ein Leben lang verfolgen würde. Und das völlig zu Recht!

Etwas Unfassbares war geschehen: Deutschland qualifizierte sich nicht für die FußballEuropameisterschaft 1968. Bis heute einzigartig.

Sie sagen es. Es war eine einzigartige Katastrophe. Wir waren damals eine große Nation im Fußball und Albanien war ein Zwerg, ein wirklicher Zwerg. Ich meine, damals gab es im Fußball noch richtige Zwerge. Die Bedingungen dort, die auch heute noch reklamiert werden, waren damals viel schlimmer. Das Wort Fußballplatz möchte ich gar nicht benutzen. Das trifft es einfach nicht. In Tirana gab es nur ein einziges Hotel, wir hatten kaum etwas zu essen. Oh nein, ich muss aufpassen was ich sage, sonst bekomme ich böse Anrufe von den Albanern.

Mal angenommen, Deutschland würde am Samstag gegen Island verlieren und sich nicht für die EM im kommenden Jahr qualifizieren. Werden Sie sich dann an 1967 erinnern, oder lassen Sie dieses Thema lieber weg?

Das ist eine hypothetische Frage. Ich denke keine Sekunde daran, dass dieser Fall eintreten wird. Es handelt sich um ein Heimspiel, Deutschland braucht nur einen Punkt. Ich habe keinen Zweifel, dass sich die Mannschaft von Rudi Völler als Gruppenerster direkt qualifizieren wird.

Anders gefragt: Wird es nicht endlich Zeit, dass die Schmach von 1967 getilgt wird?

Das ist eine Fangfrage, oder? Ich denke nicht, dass dieses Ereignis von damals in den Köpfen der Spieler von heute ist, geschweige denn eine Rolle spielt. Da waren die Kerle von heute doch noch gar nicht geboren. Aber: Wenn das eine Rolle spielen sollte, wäre es fatal. Solche negativen Erlebnisse müssen schnell verarbeitet werden. In diesem schnelllebigen Geschäft kann es sich keiner erlauben, im Vergangenen zu kramen.

Wie fiel damals bei der Rückkehr aus Tirana der Empfang in Deutschland aus?

Empfang? Es gab keinen Empfang für uns. Niemand war da bis auf das Flughafenpersonal. Und von denen mussten wir uns noch beschimpfen lassen, rüde beschimpfen, so weit ich mich erinnere.

Besser werden Sie sich an die Kritik der deutschen Medien erinnern.

Das kann ich Ihnen sagen! Die Kritik war verheerend. Die „Bild“ hatte eine Schlagzeile, sechs Cicero hoch: „Lass doch mal den Merkel ran!“ Helmut Schön, der damals unser Trainer war, hat das nach der Landung fast erschlagen. Schön war ein Schöngeist, der das nun wirklich nicht verdient hatte.

Profitiert haben damals die Jugoslawen, die anstelle der Deutschen zur Europameisterschaft fahren durften.

Eine Aufregung war das damals. Die Jugoslawen hatten die Teilnahme doch schon abgeschrieben, die wollten ihr spätes Glück erst gar nicht wahrhaben. Die haben dreimal den Hörer aufgelegt, als ihnen unser Ergebnis durchtelefoniert wurde.

In welchem Verhältnis steht das 0:0 von damals in Tirana zu dem 0:0 der deutschen Nationalmannschaft vor wenigen Wochen in Reykjavik?

Die Albaner konnten früher nicht so Fußballspielen wie die Isländer heute. Das kann man schon deswegen nicht auf Augenhöhe vergleichen. Ich weigere mich, die Vergangenheit zu glorifizieren. Früher war im Fußball nicht alles besser, aber es war auch nicht alles schlecht. Tirana war damals der absolute Tiefpunkt.

Wie lange hat es denn bei Ihnen gedauert, bis die Pleite verarbeitet war?

Uns war sehr wohl bewusst, was wir da angerichtet hatten. Aber wir sind nicht in Depressionen verfallen und haben anschließend den Ball nicht mehr getroffen. Wir hatten damals eine große Mannschaft, die erst 1972 Europameister und dann 1974 Weltmeister wurde.

Das Gespräch führte Michael Rosentritt .

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben