Sport : Eine Frage der Ehre

Warum Martina Müller nicht für Deutschland spielt

Frank Bachner

Berlin - Sophie hat eine Turnier-Akkreditierung, mit Foto, wie sich’s gehört. Dabei ist Sophie erst sechs Jahre alt, geschätzte 30 Zentimeter groß und verschläft einige Spiele in Barbara Rittners Sporttasche. Aber Frauchen ist Teamchefin der deutschen Fedcup-Mannschaft und deshalb beruflich bei den German Open, dem größten deutschen Frauen- Tennisturnier. Die Akkreditierung ihres Hundes ist da ein netter Gag.

Er ist alles ein wenig leichter bei den German Open. Hoffnungsträgerin Anna- Lena Grönefeld scheidet gleich in der ersten Runde aus, wird aber allseits gelobt. Und Hündchen Sophie wuselt fröhlich zwischen Frauchens Beinen, wenn Fedcup-Teamchefin Barbara Rittner zu den ernsten Themen kommt – zum Beispiel zu Martina Müller. „Ich habe keine Probleme mit Martina Müller“, sagt Rittner in solchen Momenten. Nur hat sie fünf Minuten zuvor, mit hochgezogenen Brauen, erklärt: „Wie viele Spielerinnen aus den Top 20 hat sie geschlagen? Wie viele Weltranglisten-Punkte hat sie gesammelt? Über wen reden wir hier?“

Besser wäre die Frage: Über was reden wir hier? Über verletzte Eitelkeiten. Über die Frage: Wer muss auf wen zugehen? Müller auf Rittner? Rittner auf Müller, die Nummer 42 der Weltrangliste? Im Juli spielt das deutsche Fedcup-Team gegen Japan, die Frage ist nun: mit Martina Müller, der derzeit besten Deutschen? Müller wollte im Sommer 2006 nicht gegen China spielen, aus nie ganz geklärten Gründen. Seither herrscht Streit zwischen ihr und Rittner. Die aktuelle Fedcup-Mannschaft harmoniert und hat gerade Kroatien besiegt, jemand wie Müller könnte die Harmonie stören. „Ich müsste mir sehr stark überlegen, ob ich sie zurückholen würde“, sagt Rittner.

Müller will wieder spielen, das sagt sie auch am Dienstag, nach ihrem 6:0, 6:2-Sieg gegen die Griechin Eleni Daniilidou. Nur mit Rittner hat sie seit Oktober nicht mehr gesprochen. Damals traf sie sich in Offenbach mit der Teamchefin und Klaus Eberhard, dem Sportdirektor des Deutschen Tennis-Bundes (DTB). Kurz darauf beschloss das DTB-Präsidium, Müller wegen der China-Absage aus dem A-Kader zu werfen.

„Martina muss den ersten Schritt machen“, sagt Rittner. Sie hat ihr kostenlose Trainings- und Massagezeiten am Leistungszentrum Hannover verschafft, als Müller in der Weltrangliste um Rang 300 dümpelte. Rittner, damals im Bereich der Top 20, hat 2002 in Australien extra mit Müller Doppel gespielt, obwohl die damals nur Nummer 180 war. Sie hat an Müller geglaubt, es geht ihr jetzt auch um die Frage der Dankbarkeit.

Reinhard Müller sagt dagegen, es gehe um „Respekt“. Er ist der Vater und Trainer von Martina Müller, und er ist ziemlich aufgebracht: „Martina hat doch gesagt, dass sie spielen will. Soll sie denn jetzt angekrochen kommen, an Rittners Rockzipfel ziehen und betteln?“ Müller war schon mal die Nummer eins in Deutschland, 2002 war das, danach fiel sie bis auf Weltranglistenplatz 327. Es war die Zeit, als Vater Müller mit der schlafenden Tochter vom Turnier in Biarritz in Spanien im Ford Fiesta zum nächsten Turnier nach Bari in Italien fuhr, um am folgenden Tag auf dem Platz zu trainieren. Martina Müller kämpfte sich wieder nach oben, diese Leistung will Reinhard Müller gewürdigt wissen. Dankbarkeit? Da lacht er auf. Rittner hatte kostenlose Hallenzeiten verschafft, stimmt, „aber zwischen sieben und neun Uhr“, eine ungünstige Zeit für Profis.

In Offenbach, sagt Müller, hätte Klaus Eberhard, der Sportdirektor, von ihm verlangt, er solle unterschreiben, dass er und seine Tochter die Alleinschuld an dem Streit hätten und dass die beiden die finanziellen Offerten des DTB akzeptierten. Eberhard sagt: „Sie kann zu unseren Bedingungen zurückkehren.“

Martina Müller neigt den Kopf. Sie sagt versonnen: „Es darf keinen Sieger und keinen Verlierer geben.“ So sieht es Rittner auch. Nur ist völlig unklar, wie man den Verlierer definiert.

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