Sport : Eine Frage der Lust

Brasilien zweifelt an seinen Stars und am Confed-Cup

Frank Kohl[São Paulo]

Wer war der beste brasilianische Angreifer am Mittwoch? Die Zeitungen in Rio de Janeiro und São Paulo sind sich einig: Adriano auf keinen Fall, auch nicht Julio Baptista oder Robinho. Nein, die eindeutige Antwort der Medien lautet: Marcio Amoroso. Der einstige Bundesliga-Torschützenkönig feierte am Tag, als die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft beim Confed-Cup in Köln nur knapp dem Ausscheiden entging, einen begeisternden Einstand beim FC São Paulo. Der 2:0-Sieg gegen den argentinischen Rivalen River Plate im Copa Libertadores, dem südamerikanischen Pendant zur europäischen Champions League, interessierte die Brasilianer mehr als die wechselhaften Auftritte ihres müden Nationalteams im fernen Deutschland. Der sportliche Wert des Turniers wird von den meisten Fans angezweifelt. Die Liveübertragungen in den Nachmittagsstunden erreichen nur niedrige Einschaltquoten.

Schon vor Beginn des Turniers waren die Strapazen der ruhebedürftigen Stars ein Argument gegen den Cup, die Benachteiligung brasilianischer Vereine in den zeitgleich laufenden Wettbewerben ein anderes. Als der FC Santos ohne den fehlenden Stürmerstar Robinho und ohne Stammverteidiger Leo vorzeitig im Copa Libertadores scheiterte, war für viele Fußballanhänger in Brasilien der Beweis für die negativen Auswirkungen erbracht. Nationalcoach Carlos Alberto Parreira wurde öffentlich als einer der Hauptschuldigen angeklagt.

Mit dem spielerisch überzeugenden 3:0-Auftaktsieg gegen Griechenland hatten Parreira und seine Musterschüler die Skeptiker zunächst versöhnt. Nach der Niederlage gegen Mexiko und dem glücklichen Unentschieden gegen Japan hat sich die Stimmung wieder gedreht. „Anstatt besser wird die Seleção von Spiel zu Spiel schlechter“, lamentiert der Weltmeister von 1970 und Kommentator Tostão. „Das ist unzumutbar angesichts der Qualität unserer Spieler.“ Die Tageszeitung „Globo“ verglich derweil die unbeständigen Darbietungen mit dem flackernden Leuchten eines Glühwürmchens, das am vergangenen Mittwoch beinahe erloschen wäre.

Dem bevorstehenden Spiel gegen die Deutschen sehen die Fans mit leisen Zweifeln entgegen – vor allem daran, ob die Stars 90 Minuten lang Lust und Willen aufbringen. Jungstürmer Robinho versucht diesen Bedenken mit Unbekümmertheit zu begegnen. „Wir müssen nur unsere Chancenauswertung verbessern“, sagt er. Dann, so hofft der bislang beste Brasilianer, „werden wir noch zwei gute Spiele erleben“. Soll heißen: Erst besiegt Brasilien den Gastgeber Deutschland, um sich dann im Finale mit dem Titelgewinn gegen Argentinien für die 2:4-Niederlage Anfang des Monats zu revanchieren.

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