Sport : Eine Frage der Nerven

Bei der Leichtathletik-EM geht es für Athleten wie Ariane Friedrich noch um die Olympianorm.

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Berlin - Gut, absolute Sicherheit hat Günter Eisinger natürlich nicht. Aber die Nachricht, die er erhalten hat, die dürfte einen ziemlich hohen Wahrheitsgehalt haben. Das weiß Eisinger auch, genau deshalb hat er ja jetzt ein Problem. In Helsinki wird’s am Donnerstag regnen, bei kühlen 15 Grad. Das teilte ihm der finnische Wetterdienst mit.

So, und jetzt steht Eisinger ziemlich ratlos da. Und mit ihm Ariane Friedrich, seine Athletin.

Am Donnerstag will die Hochspringerin Friedrich in Helsinki bei der Leichtathletik-Europameisterschaft 1,95 Meter überqueren. Wobei, wollen trifft nicht ganz den Kern. Sie muss die 1,95 Meter überqueren, sonst hat sie nämlich bloß noch beim Meeting in Eberstadt die Chance, in London um eine Olympiamedaille zu kämpfen. 1,95 Meter, so lautet die Olympianorm des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV). In Wattenscheid, bei der deutschen Meisterschaft, verpasste die WM-Dritte von 2009 diese Norm. Es hatte geregnet, der Wind blies über die Anlage, die Bahn war nass, ein optimaler Anlauf unmöglich. „Bei solchen Bedingungen kann man keine Norm springen“, sagte Eisinger.

Für Friedrich ist die EM also eine ziemlich dramatische Angelegenheit. Am Mittwoch beginnen die Titelkämpfe, und ihr sportlicher Sinn hängt vom einzelnen Athleten ab. Grundsätzlich ist eine EM fünf Wochen vor den Olympischen Spielen eine zweitrangige Geschichte. Sie stört den Trainingsaufbau, jedenfalls den von Stars, die bereits für Olympia qualifiziert sind. 91 deutsche Athleten sind in Helsinki am Start, sportlich gesehen aufgeteilt in drei Gruppen.

Da sind Athleten wie Friedrich, die verzweifelt um die Olympianorm kämpfen. Friedrich hatte es am Samstag in Erfurt nochmal versucht, aber da war schon nach 1,88 Metern Schluss. Die Rückkehr zu ihrem alten Anlauf, mit elf Schritten, hatte noch nicht geklappt. Zu ihrer Gruppe, zur Gruppe der Kämpfer um die Norm, gehören auch noch zum Beispiel Melanie Bauschke und Sinje Florczak (Weitsprung), Eike Onnen (Hochsprung) und Markus Esser (Hammerwurf).

Teil der zweiten Gruppe sind unter anderem Robert Harting und Nadine Müller, die Stars im Diskusring. Harting ist derzeit dabei, seine „Form zu zerstören“. In London soll sie dann wieder auf dem Höhepunkt sein, die Form. So drastisch drückte sich die Vize-Weltmeisterin Müller nicht aus, aber im Kern kommt’s bei ihr auf das Gleiche heraus. Zu dieser Gruppe gehören die Medaillenkandidaten von London, sofern sie überhaupt in Helsinki auftreten. Harting und Müller, aber auch Stars wie Betty Heidler, Titelverteidigerin im Hammerwerfen, starten aus vollem Training. Die EM ist für sie kaum mehr als eine statistische Größe.

Die dritte Gruppe ist die größte: Dort sind Talente, die international Erfahrung sammeln, oder Athleten, die zwar die Olympia-Norm, aber in London so gut wie keine Medaillenchance haben. Für einige von ihnen ist die EM trotzdem eine wunderbare Bühne: Hier haben sie die Chance, auch mal eine internationale Medaille zu gewinnen; ein Teil der Weltelite fehlt ja. Arne Gabius gehört zur dritten Gruppe, der Deutsche Meister über 5000 Meter. In der Weltrangliste ist er auf Rang 36, in der europäischen auf Platz zwei. Gabius hat Medaillenchancen, theoretisch. Aber das genügt ja. „Das Treppchen wäre der Wahnsinn“, sagt er. Es wäre die erste Medaille eines deutschen 5000-Meter-Läufers seit 18 Jahren. Damals hatte Dieter Baumann Gold geholt, sinnigerweise auch in Helsinki.

Selbst der DLV-Chef denkt vor allem an Olympia. Es geht ja auch um Prestige, Fördermittel und Fernsehverträge. Der DLV kämpft um sein standing im brutalen Gerangel um Geld und Quote. 2004 in Athen (einmal Silber, einmal Bronze) und 2008 (einmal Bronze) fiel die olympische Medaillenbilanz überaus dürftig aus. „Wir haben die Chance, in London so erfolgreich abzuschneiden wie bei vielen Olympischen Spielen nicht mehr“, sagt Clemens Prokop.

Ob auch Ariane Friedrich in London am positiven DLV-Image mitwirken kann, ist aber wohl doch nicht bloß eine Frage des Wetters. Sondern auch der Nerven. In Erfurt, als sie 1,88 Meter sprang, schien die Sonne, die Temperatur lag bei 24 Grad.

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