Sport : Eine Frage der Qualität

Der Hamburger SV kann sich auch als Tabellenzweiter mit der Rolle als Bayern-Jäger nicht anfreunden

Karsten Doneck[Hamburg]

Bernd Hoffmann verlangte nach Informationen. „Gegen wen spielen die Bayern am nächsten Wochenende?“, erkundigte sich der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV, kaum dass die eigene Mannschaft gegen Hertha BSC einen 2:1-Sieg zustande gebracht hatte. Hoffman erfuhr, dass die Münchner als Tabellenführer am nächsten Samstag beim VfB Stuttgart antreten müssen und wagte die Prognose: „Das wird auch nicht einfach.“

Hoffmanns Ausblick auf die nahe bajuwarische Fußballzukunft verrät: Klammheimlich befasst man sich in Hamburg schon mit dem Gedanken, in absehbarer Zeit vielleicht selbst mal von der Tabellenspitze aus auf die Konkurrenz herabzuschauen. Zwei Punkte trennen den HSV nur noch vom führenden FC Bayern. Seit zehn Pflichtspielen sind die Norddeutschen ungeschlagen, neun Siege fielen in diese Zeit. Daraus zieht die Mannschaft ein enormes Selbstvertrauen. Wie sie sich am Samstag nach dem Ausgleich von Hertha BSC aus einer kritischen Phase befreite, selbst wieder die Initiative ergriff und tatsächlich noch das Siegtor erzielte, das könnte der FC Bayern nicht besser machen.

Doch der HSV ist bemüht, den Ball flach zu halten. Wer Huub Stevens derzeit mit dem Wort „Bayern-Jäger“ konfrontiert, der muss im schlimmsten Fall damit rechnen, vom HSV-Trainer die Gegenfrage nach seiner Zurechnungsfähigkeit gestellt zu bekommen. „Dass unsere Fans jetzt bereits von mehr träumen, ist schön. Mich allerdings interessiert der aktuelle Tabellenstand nicht so sehr“, sagte Stevens nach der Partie gegen Hertha.

Noch hat der Holländer auch nicht widerrufen, was er nach dem 1:0-Sieg beim MSV Duisburg am 28. Oktober gesagt hat. „Bayern München wird Deutscher Meister, weil die Bayern noch viel mehr Qualität in ihrem Kader haben als wir“, urteilte er da. Franck Ribery, Luca Toni, Miroslav Klose und andere mehr – mit einer solchen Fülle von Klasse wie beim FC Bayern kann der HSV nicht konkurrieren. Sicher, da ist in Hamburg ein Rafael van der Vaart, aber um ihn herum laufen viele Profis, die größtenteils jung und fußballerisch noch nicht ausgereift sind: Kompany (21), Castelen (24), de Jong (22), Boateng (19). Am 2. September, nach dem 1:1 im Heimspiel gegen den FC Bayern, hatte Stevens angesichts dieser Personallage schon mal launig festgestellt: „Es ist gut zu wissen, dass dem HSV die Zukunft gehört.“ Wie fern diese Zukunft noch ist? Es stimmt, dass sich der HSV auf einem vielversprechenden Weg befindet. Selbst Ausfälle wie die von Kompany, Jarolim oder de Jong gegen Hertha und davor auch von Rafael van der Vaart kann die Mannschaft mittlerweile schadensfrei kompensieren. Zudem ist der HSV taktisch gereift, die Abwehr lässt kaum Chancen des Gegners zu. Dass dabei oft nur magere 1:0-Siege herausspringen, wird eher wohlwollend in Kauf genommen. Und, nicht zu unterschätzender Vorteil, aufgrund ihres Selbstbewusstsein gewinnt die Mannschaft auch ihre schwächeren Spiele, wie etwa in Duisburg.

Dennoch: Bastian Reinhardt, gegen Hertha Schütze des späten Siegtores, würde die allmählich in Hamburg aufkommende Euphorie am liebsten in einem dunklen Schrank wegsperren, um sie zu gegebener Zeit wieder rauszulassen. „Wenn jetzt noch fünf oder sechs Spiele bis zum Saisonende wären, dann müsste man sich Gedanken machen über den Titel, so aber nicht“, sagt Reinhardt. Wenigstens Rafael van der Vaart erlaubt sich ein paar hochfliegende Träume. „Wenn wir so spielen wie in der ersten halben Stunde gegen Hertha, werden nicht viele Mannschaften gegen uns gewinnen“, kündigte er an.

Und selbst die HSV-Fans aus der stets stimmungsvoll anfeuernden Nordkurve erfreuen sich noch an kleineren Dingen als der Hoffnung auf die deutsche Meisterschaft. Während der Partie gegen Hertha – der HSV führte 1:0 – sangen sie aus voller Kehle: „Die Nummer 1 im Norden sind wir.“ Der Gesang zielte ab auf den ungeliebten Nordrivalen Werder Bremen, der in der Tabelle derzeit hinter dem HSV liegt. Dass auch mal das Lied „Die Nummer 1 der Bundesliga sind wir“ in Hamburg gesungen wird, da ist eben der FC Bayern vor. Immer noch.

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