Sport : Eine Frage des Stils

Markus Beyer wird wieder Box-Weltmeister im Supermittelgewicht, doch der Manager seines Gegners kündigt polternd Protest an

Michael Rosentritt

Leipzig . Nach dem Schlussgong schiebt Peter Althof seinen Kopf von hinten zwischen die Beine von Markus Beyer, um ihn so auf seine breiten Schultern zu bekommen. Althof war mal Europameister im Vollkontaktkarate, er arbeitet seit Jahren als Bodyguard. Er hat ein feines Gespür für knifflige Situationen. Spontan entschließt sich der Leibwächter zum beherzten Eingreifen. Er schultert Beyer, wie man das sonst nur mit Siegern macht, und dreht mit ihm ein paar Runden im Ring. Obendrauf macht Beyer ein Gesicht, als sei ihm das alles ein wenig peinlich. Er hebt zaghaft den linken Arm und winkt schüchtern ins Publikum.

Es war mitten in der Nacht auf Sonntag in der Arena zu Leipzig. Sechseinhalbtausend Besucher wussten nicht so recht, was sie tun sollten. Das Urteil war noch nicht gesprochen. Durften sie nun jubeln oder sollten siepfeifen? Der 12-Runden-Kampf zwischen ihrem Favoriten, Markus Beyer, und dem Titelverteidiger Eric Lucas aus Kanada war eng, sehr eng. Die optischen Vorteile lagen beim Mann aus Übersee, Beyer aber boxte effektiver. Aber was heißt das schon. Vor drei Wochen noch gewann in der selben Gewichtsklasse Beyers Stallkollege Sven Ottke den Titelvereinigungskampf gegen den Amerikaner Byron Mitchell, weil er aktiver war – und nicht, weil er die klareren Treffer setzte. In Leipzig hätte demnach der Kanadier den Titel behalten. Doch die drei Punktrichter des World Boxing Council aus Italien (116:113), den USA (116:113) machten – bei einer Gegenstimme aus England (114:115) – Beyer zum Weltmeister im Supermittelgewicht.

Markus Beyer erzählte später, dass „es nicht mein bester Kampf war, aber vielleicht mein taktisch klügster“. In erster Linie hatte der 31-jährige Rechtsausleger elf Runden Runden lang Schläge des Titelverteidigers vermieden. Das alles gipfelte in der Schlussrunde, als Beyer nur noch auf der Flucht war. Das wiederum trieb Yvon Michel, den Manager des Kanadiers, auf die Palme. „Das war keine faire Entscheidung, wir fühlen uns betrogen und werden Protest einlegen“, sagte Michel weit nach Mitternacht mit gerötetem Gesicht. Michel wollte beobachtet haben, dass Beyers Ecke schon während des Kampfes Informationen über den Punktestand erhalten habe und ihre Taktik danach ausrichten konnte. Beyer habe seine Kampfweise ganz klar erkennbar nach dem jeweiligen Punktestand geändert. Lucas sei ahnungslos gewesen und habe damit einen Nachteil erlitten, blaffte Michel.

Das Leipziger Publikum dürfte es ähnlich gesehen haben. „Hau den Lucas“, hatten sie noch während der ersten beiden Runden gerufen. Wohlwissend, dass in Beyer ein Mann im Ring stand, der einen draufgängerischen Boxstil pflegt. Einer, der seinen Gegner nicht schont, sich aber mit seinem riskanten Vorgehen in Schwierigkeiten bringen kann. So etwa vor knapp drei Jahren, als er diesen WBC-Titel, den er sich 1999 erkämpft hatte, durch technischen K. o. in der zwölften Runden gegen den Briten Glenn Catley verlor. Später dann hatte Eric Lucas gegen Catley gewonnen und den Titel bis zum vergangenen Sonnabend dreimal erfolgreich verteidigt.

Im Kampf von Leipzig wirkte Beyer wie einer, der nicht von der Leine gelassen wurde. Wie einer, der in ein enges taktisches Konzept gepresst wurde: Ruhe bewahren, nicht zu viel riskieren, Treffer vermeiden. Gemessen an seinen physischen Qualitäten boxte Beyer wie unter Wasser – verhalten, gedrosselt, ohne Bums. „Ich trachte danach, dass meine Jungs nicht in Zugzwang geraten“, sagte Beyers Trainer Ulli Wegner später. „Ich habe ihm gesagt, dass er nicht danach stieren soll, den Lucas umzuhauen.“ Diese Gefahr bestand nicht. Beyer durfte nicht – Eric Lucas konnte nicht. 617 Schläge setzte der Kanadier, die wenigsten trafen. „In der dritten Runde hat er mich einmal hart erwischt“, erzählte Markus Beyer, „den meisten Schwingern konnte ich die Wirkung nehmen. Der Rest ging in die Luft.“ Beyers Trainer befand, dass Lucas seine Schläge „telegrafiert“ hatte, „so konnte Markus sie rechtzeitig erahnen und entschärfen“. Beyer selbst schlug 415 Mal – bei einer Trefferquote von 46 Prozent (Lucas 29 Prozent). Und in der Tat, Beyers Triumph war ein Sieg des Entwaffnens. „Markus hat mit Hirn geboxt, er hat boxerische Reife gezeigt“, sagte sein Manager Wilfried Sauerland. „Eine Rückkehr auf den Thron ist in dieser WBC-Klasse noch keinem Boxer gelungen.“

Das Urteil gehe in Ordnung, befand der ehemalige Halbschwergewichts-Weltmeister Henry Maske. „Markus ist mit Effektivität zum Sieg gekommen.“ Maske war während seiner aktiven Zeit das Paradebeispiel eines Faustfechters. Maske zwang seine Gegner selten mit harten Hieben in die Knie. Er zermürbte sie, er bezwang sie, indem er sich nicht treffen ließ. Beyers Stil ist das nicht. Aber gegen einen Boxarbeiter wie Lucas war es wohl die passende Taktik.

Knapp 300 000 Dollar soll Markus Beyer für seinen 27. Sieg im 28. Kampf bekommen haben, Lucas erhielt als Titelverteidiger rund 900 000 Dollar. An Geld aber dachte der neue Champion nicht. „Ich habe es wieder geschafft, trotz der langen Wartezeit und der Verletzungen – ich bin ein Stehaufmännchen. Es ist ein noch schöneres Gefühl als beim ersten Titelgewinn. Ich danke dem Publikum. Und ich hoffe, dass bald wieder Frieden ist.“

Jetzt warten auf Beyer größere Zahltage. Einen Rückkampf aber, wie von Seiten der Kanadier gefordert, wird es nicht geben. „Vergessen Sie es. Schauen Sie sich an, wie die sich hier benehmen. Da wird es kein Rematch geben“, sagte Wilfried Sauerland. Das Gerede von einem Protest stieß ihm sauer auf. „Wir wurden anderthalb Jahre hingehalten, bis wir diesen Kampf bekommen haben. Dieses Verhalten passt dazu.“ Ursprünglich sollte Lucas schon im Dezember des vergangenen Jahres gegen Beyer antreten, musste aber wegen einer Überfunktion der Schilddrüse absagen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben