Sport : Eine Frage des Stils

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Stefan Hermanns über den Niedergang der Streitkultur im Sport

Willy Lippens wusste noch, wie man sich zu benehmen hat, aber er stammt ja auch aus einer Zeit, in der Benimm noch eine Bedeutung besaß. Sogar im Sport. Lippens war Fußballer, und in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrtausends, hat ihm der Schiedsrichter einmal die Gelbe Karte gezeigt. „Ich verwarne Ihnen“, sagte der Schiedsrichter. Lippens antwortete mit ausgesuchter Höflichkeit: „Ich danke Sie.“ Und sah daraufhin Rot.

Solch feine Ironie gibt es im Sport nur noch selten. Die Verrohung der Sitten schreitet schon seit Jahren fort, und ob es sich um den angeblichen Proletensport Fußball handelt oder um das aristokratische Tennisspiel, ist ganz egal. Greg Rusedski hat sich gerade wild fluchend vom Tennisturnier in Wimbledon verabschiedet, und seine Beschimpfungen waren selbst den englischen Boulevardblättern zu derb, die sonst dafür bekannt sind, dass ihnen nichts derb genug sein kann. Rusedskis Ausdrücke wurden in den Zeitungen bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, und die BBC, die ihr Publikum ungeschützt den Verbalinjurien ausgesetzt hatte, entschuldigte sich bei allen „Zuschauern, die sich durch die rohe Sprache belästigt gefühlt haben“.

Man muss zu Rusedskis Gunsten erwähnen, dass er sich später ebenfalls entschuldigte. Seinen Wutanfall hatte ein Zuschauer ausgelöst, der in einen Ballwechsel hinein „Aus“ gerufen hatte, woraufhin Rusedski nicht weiterspielte, den Punkt und dann das Match verlor. Der Zuschauer kann froh sein, dass er nur mit ein paar fiesen Worten traktiert wurde. Vor einigen Jahren ist der Fußballer Eric Cantona einem pöbelnden Fan wie ein KungFu-Kämpfer ins Gesicht gesprungen. Manchmal ist Anstand Glückssache.

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