Sport : Eine Frau für Zwischengrößen

Maria Riesch konzentriert sich in dieser Saison mehr auf die Abfahrt und wird mit zwei Siegen belohnt

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Im Wohnzimmer der Rivalin. Maria Riesch hat auf neuen Ski die ersten Abfahrten von Lake Louise gewonnen. Foto: AFP
Im Wohnzimmer der Rivalin. Maria Riesch hat auf neuen Ski die ersten Abfahrten von Lake Louise gewonnen. Foto: AFPFoto: AFP

Berlin - Einen kleinen Patzer leistete sie sich, einen leichten Fahrfehler, sie kam für Sekundenbruchteile von der Ideallinie ab. Nichts Schlimmes, aber es sah so aus, hätte er sie den Sieg gekostet, dieser Patzer. Denn Lindsey Vonn, die Dauer-Rivalin von Maria Riesch, war ausgezeichnet gefahren. Aber Maria Riesch aus Garmisch-Partenkirchen jagte am Freitag auf der beinharten Abfahrtspiste im kanadischen Lake Louise dann noch einen Hauch besser ins Ziel. 0,12 Sekunden lag die Doppel-Olympiasiegerin am Ende vor der US-Amerikanerin, und als sie im Zielraum abbremste, jagte die Deutsche einen Freudenschrei in die bitterkalte Luft. Am Samstag konnte Riesch schon wieder jubeln: Auch in der zweiten Abfahrt von Lake Louise war sie nicht zu schlagen und verwies Vonn auf den zweiten Platz.

Es waren Rieschs erste Siege in der neuen Saison, viel wichtiger war aber noch, dass sie Lindsey Vonn auf deren eigenem Terrain besiegt hatte, dort, wo die Amerikanerin ihre Dominanz in der Abfahrt am stärksten, am provozierendsten inszeniert hatte. In den vergangenen zehn Abfahrten in Lake Louise hatte Vonn sieben Mal gewonnen. „Lindseys Wohnzimmer“, so hatte Maria Riesch Lake Louise immer bezeichnet. „Und dann hier zu gewinnen, das ist schon etwas Besonderes für mich“, sagte die 26-Jährige.

Und Vonn? Vonn sagte: „Wenn du auf dem Podest stehst, ist es immer ein erfolgreicher Tag.“

Das ist ein Satz fürs Poesiealbum, für die Abteilung „politisch korrektes Verlieren“, aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Die beiden zweiten Plätze sind unerwartete Rückschläge im spannendsten Saisonduell: Riesch gegen Vonn, der Kampf um den Sieg im Gesamt-Weltcup. In der vergangenen Saison gewann Vonn. Sie hatte sechs von acht Abfahrten gewonnen, Riesch nur zwei. Das war der entscheidende Unterschied. Das brachte die entscheidenden Punkte. Riesch landete im Gesamt-Weltcup auf Rang zwei.

Deshalb muss Riesch in der Abfahrt besser werden. Maria Riesch hat ihre ganze Saisonvorbereitung in diesem Jahr auf dieses Ziel ausgerichtet. Ende August trainierte sie mit der Technikgruppe in Neuseeland, dann flog sie mit der Abfahrtsgruppe nach Chile. Dort gibt es eine anspruchsvolle Abfahrtspiste, ideal fürs Speedtraining. Die Bedingungen waren perfekt, Maria Riesch trainierte dort zwölf Tage lang Abfahrt und Super-G. Als sie später nach Lake Louise flog, hatte sie mehr als doppelt so viele Trainingstage auf Speed-Ski absolviert wie in der vergangenen Saison.

Aber Chile war auch ein Experiment. Maria Riesch testete neues Material, Ski, die sie noch nie gehabt hatte. Zwischengrößen-Ski, keine Männer-, aber auch keine Frauen-Ski. Ihre neuen Abfahrts-Ski sind jetzt 2,15 Meter lang, in der vergangenen Saison waren sie fünf Zentimeter kürzer. Die Super-G-Bretter messen jetzt 2,07 Meter.

2,15 Meter sind eine Herausforderung, aber reine Männer-Ski wären ein unkalkulierbares Risiko. Lindsey Vonn fährt Männer-Ski in der Abfahrt, deshalb ging in der vergangenen Saison die ganze Längendiskussion los. Mit Männer-Ski kann man noch schneller ins Tal jagen als mit Frauen-Ski, aber sie sind schwerer zu kontrollieren, man muss sie mit viel mehr Kraft beherrschen.

Maria Riesch kann das nicht, ihre Kraft reicht nicht für eine saubere Kontrolle. Also fährt sie etwas kürzere Modelle. Die liegen zwar ruhiger als reine Frauen-Ski, aber sie brauchen auch mehr Druck. Die optimale Dosierung ist das Geheimnis. Es ist Filigranarbeit im Training, eine zeitraubende Filigranarbeit. Maria Riesch ist immer noch an der Feinabstimmung, trotz der laufenden Saison.

Natürlich denkt Maria Riesch auch an den Saisonhöhepunkt, an die Weltmeisterschaft in ihrem Wohnzimmer, in Garmisch-Partenkirchen im Februar. Sie möchte dort keine unliebsame Überraschung erleben, nicht ein paar Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Doch dass Lindsey Vonn symbolisch überhöhte Revanche möchte, nicht bloß rein sportliche, das kann sich Maria Riesch gut vorstellen. Die Deutsche hatte ihre Freundin ja nicht bloß am Freitag und Samstag auf deren Gebiet geschlagen. Die letzte Niederlage von Lindsey Vonn in Lake Louise vor diesem Rennen lag vier Jahre zurück. Die Siegerin hieß Maria Riesch.

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