Sport : Eine Frau wird verfolgt

Ein Student hat sich in Serena Williams verliebt, reist ihr von Turnier zu Turnier hinterher – und sitzt nun im Gefängnis

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Von Benedikt Voigt

Dass etwas mit Albrecht Stromeyer nicht stimmt, fiel zum ersten Mal im Februar in Scottsdale im US-Bundesstaat Arizona auf. Der Deutsche hatte die Lobby eines Hotels betreten, in dem die Profitennisspielerinnen übernachteten, und verlangte nach Serena Williams. Als der Mann am Empfang das Ansinnen ablehnte, protestierte Stromeyer auf äußerst eigenwillige Weise: Er begann sich in der Lobby langsam auszuziehen.

Drei Monate später stand Albrecht Stromeyer – vollständig bekleidet – beim Tennisturnier in Rom und beobachtete Serena Williams im Match gegen Jennifer Capriati. Die italienische Polizei verhaftete ihn, weil er dem Tennisstar auf dem Platz zu nahe gekommen war. Später erfuhr Oracene Williams, Serenas Mutter, was er bei seiner Festnahme äußerte: „Er sagte, dass Serena ihn in der Menge angesehen habe und er deshalb wisse, dass sie ihn liebe.“

Der Student Albrecht Stromeyer, 34, der bei seinem Vater, einem pensionierten Banker, in Frankfurt am Main wohnt, war vor einer Woche bei den US Open erneut festgenommen worden. Er hatte Serena Williams beim Training durch einen Zaun hindurch beobachtet. Dabei war ihm das Betreten der Anlage in Flushing Meadows verboten. Wie schon in Scottsdale, Berlin, Rom, Paris und Wimbledon hatte er auch in New York versucht, seinem Schwarm nahe zu kommen. Bei seiner Verhaftung sagte Stromeyer: „Ich liebe sie, ich würde sie niemals verletzen.“

Albrecht Stromeyer ist ein „Stalker“. So werden Menschen genannt, die Prominente verfolgen und belästigen. Im Deutschen gibt es keinen adäquaten Ausdruck für dieses Phänomen. „Stalking“ ist in den USA ein minderschweres Strafdelikt. Allerdings leiden Menschen, die anderen nachstellen, oftmals an einer Persönlichkeitsstörung. „Er hat ein mentales Problem“, sagte Albrecht Stromeyers Vater den „New York Daily News“. Serena Williams legte sich nach dem Vorfall von Rom einen Leibwächter zu. Trotzdem sagte die Nummer eins der Tenniswelt in Wimbledon: „Ich habe keine Angst, aber ich bin vorsichtiger.“ Die Eltern der 20-Jährigen reagieren besorgter. „Ich habe mich immer vor so etwas gefürchtet“, sagte Oracene Williams. Ihr Mann Richard Williams drohte: „Wenn er meiner Tochter etwas antut – wird irgendwer mich stoppen können, den Kerl umzubringen?“

Seit dem Messer-Attentat eines geistig Verwirrten auf Monica Seles reagieren die Verantwortlichen der Frauen-Tennisorganisation WTA sensibel auf mögliche Gefahren. Pressechef Chris DeMaria sagte der „New York Times“: „Sobald wir so einen Fall kennen, arbeiten wir intensiv mit den Veranstaltern und dem Sicherheitspersonal außerhalb der Turnieranlage zusammen.“ Monica Seles war am 30. April 1993 am Rothenbaum in Hamburg von Günter Parche, einem geistig verwirrten Steffie-Graf-Fan, bei einem Seitenwechsel mit einem Messer an der Schulter verletzt worden. Der 1,3 Zentimeter tiefe Stich verheilte schnell, doch Seles benötigte 28 Monate, um die seelische Verletzung zu verarbeiten. Aus dem ehemals extrovertierten Mädchen war eine misstrauische und vorsichtige Frau geworden. Es dauerte Jahre, bis Seles die psychischen Folgen überwunden hatte. „Es gibt verschiedene Stufen von Bedrohung“, sagte Seles, als sie in New York auf Stromeyer angesprochen wurde. „Der Kerl, der auf mich einstach, hat mich nicht geliebt – aber er dürfte Steffi geliebt haben.“ Stromeyer ist folglich vielleicht keine Gefahr für Serena Williams, womöglich aber für andere Spielerinnen.

Bei den Tennisspielerinnen gibt es ungewöhnlich viele Stalker. Schon Chris Evert musste in den Siebzigerjahren erfahren, als sie von einem Turnier nach Hause kam, dass ein Mann in ihr Haus eingebrochen war und drei Tage lang in ihrem Badezimmer gelebt hatte. Martina Hingis wurde jahrelang von dem Australier Dubravko Rajcevic, 46, belästigt. Der Mann bedrängte die Schweizerin mit Anrufen, Liebesbriefen und erschien sogar einmal in einem ihrer Häuser. Im vergangenen Jahr wurde Rajcevic zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. In einem Buch, das die WTA an Nachwuchspielerinnen verteilt, gibt es inzwischen ein Kapitel, das Ratschläge gibt, wie man für die eigene Sicherheit sorgt und mit aufdringlichen Fans umgeht.

Womöglich hat der Anstieg unerwünschter Verehrer etwas mit der veränderten Vermarktung der Tennisspielerinnen zu tun. Längst werden die Spielerinnen nicht mehr nur als Sportlerinnen verkauft, sondern erhalten auf Fotos und in Interviews bewusst auch eine sexuelle Dimension. Bei Anna Kurnikowa ist diese Entwicklung extrem. Die Russin muss sich mit anonymen Verehrern wie „AnnaLoverNo.1“ herumschlagen, die im Internet Informationen darüber austauschen, wo sie sich gerade aufhält.

Auch Serena Williams weiß, wo sich Albrecht Stromeyer gerade aufhält. Er ist im Gewahrsam der US-amerikanischen Immigrationsbehörde, die ihn in den nächsten Tagen nach Deutschland abschieben will. Ein Gericht hatte ihn dazu verurteilt, zu Serena Williams und ihrer Familie Abstand zu halten. Er darf auch nicht näher als 1000 m an die Plätze der WTA-Turniere kommen. „Das ist alles sehr bedrückend“, erklärt Albrecht Stromeyers Vater, der den Fall seines Sohnes nicht weiter kommentieren will. Sein Interview mit den „New York Daily News“ hat er bereits bereut. Darin sagte er: „Ich habe ihm oft erklärt, dass Serena Williams nicht an ihm interessiert ist.“ Sein Sohn wisse, dass „Stalking“ nicht erlaubt sei. „Aber er versteht es entweder nicht, oder er möchte es nicht verstehen.“

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