Sport : Eine Goldmedaille gewonnen, zwei verloren

Nach dem Sieg der Dressurequipe werden den Vielseitigkeitsreitern ihre beiden Erfolge vom Sportgerichtshof aberkannt

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So sieht niemand aus, der gerade eine Goldmedaille gewonnen hat: Dieter GrafLandsberg-Velen stützt seinen Kopf auf die rechte Hand und blickt mit versteinerter Miene in die Ferne. „Es ist ein Skandal, was gewisse Funktionäre gemacht haben“, sagt der Ehrenpräsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Nachdenklich streicht sich der 78-Jährige mit der Hand an der Wange.

So sieht jemand aus, der gerade zwei Goldmedaillen verloren hat.

Es war ein denkwürdiger Tag für die deutschen Reiter bei den Olympischen Spielen in Athen. Am Morgen gewann die deutsche Mannschaft die Goldmedaille in der Dressur. Am Nachmittag erfuhr der Präsident des Nationalen Olympischen Komitee Klaus Steinbach, dass der Internationale Sportgerichtshof (CAS) den deutschen Vielseitigkeitsreitern die beiden Goldmedaillen vom Mittwoch wieder aberkannt hat. „Enttäuschung ist gar nicht das richtige Wort dafür“, sagte der Delegationsleiter, „mir tut es unendlich Leid für die Athleten.“ Der CAS hatte auf seiner Sitzung in Athen einem Einspruch der Verbände Großbritanniens, Frankreichs und der USA stattgegeben. Die deutschen Reiter müssen ihre Medaillen in der nächsten Zeit zurückgeben.

Der CAS entschied das Urteil des Berufungsgerichts aufzuheben, weil es nicht zuständig gewesen sei. Dieses hatte für die deutschen Reiter entschieden. Nun tritt wieder das Urteil der Ground Jury in Kraft, die bereits kurz nach dem Ritt von Bettina Hoy im Mannschaftswettbewerb dem deutschen Team die Goldmedaille aberkannt hatte. Die 41-Jährige hatte zweimal die Startlinie überquert, war aber nicht darauf aufmerksam gemacht worden, weil die Uhr noch einmal den Countdown von 45 Sekunden bis zum Start anzeigte. Nun addierte die Ground Jury nachträglich vierzehn Strafpunkte auf die Leistung der Deutschen. Das Team fällt dadurch auf Rang vier zurück und Hoy in der Einzelwertung, die sie ursprünglich ebenfalls gewonnen hatte, auf Platz neun. „Wir könnten diese Entscheidung theoretisch vor einem staatlichen Gericht anfechten", sagt der NOK-Vizepräsident und Jurist Clemens Prokop, „aber das ist aussichtslos.“ Steinbach gab bereits bekannt, die Entscheidung akzeptieren zu müssen.

Freude herrschte dagegen bei der Dressurreiterin Ulla Salzgeber. Sie und ihre Mannschaft werden ihre Goldmedaille sicherlich behalten dürfen. In der Mittagshitze von Markopoulo fühlte sich Ulla Salzgebers Pferd Rusty offensichtlich wohl. „Rusty stellt hier immer die Haare auf“, erzählt Ulla Salzgeber. Die 46-Jährige sagt, dass ihr Pferd so seine Freude an der heißen, trockenen Gegend im Südosten von Athen ausdrückt. „Er mag die Wärme, er mag dieses Viereck, er mag die Atmosphäre.“ Auch Ulla Salzgeber hat diesen Ort nach dem Sieg mit der Equipe in ihr Herz geschlossen. Nur mit der Temperatur von 40 Grad hatte sie ein paar Probleme. Allerdings konnten sich nicht alle so freuen wie Ulla Salzgeber. Heike Kemmer hat mit der schlechtesten Wertung im deutschen Team ihren Startplatz im Einzel verloren und war trotz des Olympiasiegs ein wenig betrübt. Ihre Kollegen Martin Schaudt und Hubertus Schmidt nahmen den Erfolg erstaunlich ruhig zur Kenntnis, aber alles andere als ein Sieg wäre ja auch eine Sensation gewesen.

Viel eher hatte der Sieg der Vielseitigkeitsreiter überrascht. Umso schlimmer wechselten bei den Reitern seit Mittwoch die Gefühle: Gold, kein Gold, Gold, keine Gold. Klaus Steinbach konnte Bettina Hoy gestern zunächst gar nicht erreichen, da sie im Flugzeug auf dem Weg nach Hause saß. „Ich habe es ihr dann auf die Mailbox gesprochen.“ Bereits bei der Anhörung vor der CAS sei Hoy völlig aufgewühlt gewesen, berichtet Steinbach. Der NOK-Vizepräsident Graf-Landsberg-Velen ist immer noch erschüttert.

„Wie ist das mit der olympischen Fairness zu vereinbaren?“, fragte er. Nur eines tröstete ihn. „Die Leistung kann ihnen keiner nehmen“, sagte er, „In unseren Augen bleiben unsere Reiter Olympiasieger.“

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