Sport : Eine große Siegerin

Frank Bachner

würdigt die Sportlerin Franziska van Almsick Franziska van Almsick hätte sich alles ganz einfach machen können. Sie hätte nur 2002 zurücktreten müssen. Als Abschiedsbild ihrer Karriere wäre dann geblieben, wie sie vor zwei Jahren, bei der Europameisterschaft in Berlin, auf den Boden der Halle sank, überwältigt vom eigenen Weltrekord, überwältigt von den Ovationen des Publikums. Sie wäre als große Siegerin in Erinnerung geblieben. Doch Franziska van Almsick machte weiter – trotz des Risikos zu scheitern. Jetzt droht das Bild einer Schwimmerin zu bleiben, die sich auf Platz fünf mühte und anschließend von der Staffel zu Bronze getragen werden musste.

Man kann dieses Bild in Erinnerung behalten, aber das wäre ungerecht. Franziska van Almsick tritt als große Sportlerin von der Bühne ab. Daran ändert auch der fünfte Platz von Athen über ihre Spezialstrecke 200 Meter Freistil nichts. Sie musste in Athen nichts mehr beweisen. Der Olympiasieg wäre die Erfüllung ihres persönlichen Traums gewesen. Für ihre sportliche Gesamtbilanz hätte er nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Auch mit einem Olympiasieg hätte van Almsick nicht zu den vielen weit erfolgreicheren deutschen Konkurrentinnen aufschließen können.

Doch bei ihr zählt nicht, wie viele Medaillen, sondern unter welchen Umständen sie sie gewonnen hat. Seitdem sie 14 ist, ist van Almsick eine öffentliche Person. Seitdem lebt sie mit einem unglaublichen öffentlichen Druck, mit den Erwartungen einer ganzen Nation. Was Medien und Zuschauer als nett gemeinte Zuwendung und Anteilnahme verstanden haben, war für van Almsick eine Erwartung, die ihr die Luft abzuschnüren drohte. Etliche Sportler wären unter diesem Druck zerbrochen oder im Mittelmaß verschwunden. Van Almsick aber schwamm zweimal Weltrekord, holte 1996 in Atlanta Olympiasilber, gewann 18 Einzeltitel bei Europameisterschaften. Die größte Achtung, die man dem Menschen und der Sportlerin van Almsick jetzt entgegenbringen kann, ist es, ihre Tränen zu respektieren. Und sie in ihrem Schmerz so weit wie möglich in Ruhe zu lassen.

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