Sport : Eine Klasse für sich

Sie haben türkische Spieler, türkische Sponsoren, türkische Lokale: Klubs wie Hilalspor treffen Deutschland nur auf dem Platz

Friedhard Teuffel

Berlin. Wenn das Kottbusser Tor das Herz des türkischen Berlin ist, dann ist die Waldemarstraße eine Ader, durch die ruhig und gleichmäßig das Leben fließt. Keine drei Minuten liegt sie entfernt vom Kottbusser Tor. Vor Haus Nummer 28 weist eine beleuchtete Tafel den Weg zum Fußballklub Berlin Hilalspor. Im Hochparterre hängen Urkunden und Wimpel an den Wänden, und im Fernsehen laufen gerade Nachrichten. Türkische Männer haben sich einiges zu erzählen. Der Klang der Teelöffel, die an die kleinen Gläser schlagen, begleitet ihrer Gespräche. Im Hinterzimmer befindet sich die Geschäftsstelle von Hilalspor. Dort wartet auf Adem Terzi eine schwierige Aufgabe. Er soll erklären, warum sein Verein eine Welt für sich ist.

Denn sein Klub, in dem er „so ’ne Art Manager“ ist, wie er sagt, ist eine kleine Türkei mitten in Berlin. Einen türkischen Namen trägt der Verein, Hilal heißt Mond, in der ersten von insgesamt fünf Männermannschaften spielen nur türkischstämmige Spieler, türkische Geschäftsleute versorgen den Klub, und jeden Mittwoch berichtet die Zeitung Hürriyet über den Berliner Amateurfußball. Es scheint, als begegne der Kreuzberger Klub Deutschland nur auf dem Fußballplatz, wenn er zum Beispiel gegen Brandenburg 03 spielt oder Fortuna Pankow.

Terzi sagt: „Wir wollen uns öffnen und wir könnten auch zwei, drei deutsche Spieler haben. Aber die wollen Geld.“ Und Geld hätten sie keines. Einen deutschen Trainer hatten sie einige Jahre lang, aber selbst der hat es nicht geschafft, deutsche Spieler in ihre Landesligamannschaft zu holen. So wie Hilalspor geht es vielen türkischen Fußballklubs in Berlin. Etwa 30 Fußballvereine mit türkischem Namen gibt es in Berlin, und „zwei Drittel von ihnen bleiben unter sich“, schätzt Gerd Liesegang, der im Berliner Fußball-Verband für die Integrationsarbeit zuständig ist und beim Kreuzberger Klub Berliner Amateure für die Jugendarbeit. Verbands-Vizepräsident Helmut Salisch sagt: „Wir klemmen uns dahinter, um Probleme der Vereine zu lösen. Dazu treffen wir uns manchmal auch in türkischen Cafés.“

Als vor einigen Jahren türkische Sportfunktionäre einen „türkischen Sportbund“ gründeten, wurden der Landessportbund Berlin und der Berliner Fußball-Verband sofort misstrauisch. Bildet sich etwa ein eigener Dachverband heraus und baut eine Mauer um eine Parallelgesellschaft? Das Gegenteil sei der Fall, sagt Cumali Kangal, der dem türkischen Sportbund vorsteht. „Wir sind da, um mit dem Fußball-Verband und dem Landessportbund zu kommunizieren und um zur Integration beizutragen.“ Den Namen türkischer Sportbund haben sie daher abgelegt. Jetzt nennen sie sich türkisches Sport-Begegnungszentrum.

Den 22 Mitgliedsvereinen bieten sie in Absprache mit dem Fußball-Verband regelmäßig Schulungen an, um sie etwa mit den Tücken des deutschen Vereinsrechts vertraut zu machen. Die anderen türkischen Vereine haben sie auch schon angesprochen, aber sie kämen nicht an sie heran, berichtet Kangal. Bis zu Hilalspor zum Beispiel haben sich die Aktivitäten des türkischen Sport-Begegnungszentrums noch nicht herumgesprochen. „Die wollen nur ihre Taschen vollmachen“, schimpft Terzi, „aber da sind wir nicht dabei.“ Hilalspor verzichtet zum Beispiel auf die Teilnahme am Atatürk-Pokal, bei dem die türkischen Klubs an Ostern in der Halle gegeneinander spielen. Überhaupt scheint der Austausch unter den türkischen Fußballklubs nicht immer der beste zu sein.

So beschuldigen sie sich gegenseitig, islamisitisch unterwandert zu sein. Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun. Dass bei Hilalspor kein Alkohol ausgeschenkt wird und keine Glücksspiele erlaubt sind, hat andere Gründe als religiöse. „Wir bieten hier auch Hausaufgabenbetreuung für Jugendliche an“, sagt Terzi. Das Vereinslokal soll offen sein, manchmal kämen auch deutsche Nachbarn vorbei, um einen Tee zu trinken. Da hat es Hilalspor schon weiter gebracht als viele andere Vereine, in deren verrauchten Lokalen um Geld Karten gespielt wird.

In der Amsterdamer Straße im Wedding gibt es solche Lokale. Manche haben Gardinen vorgezogen, andere schützen sich vor unerwünschten Blicken durch Milchglas. Im Vereinslokal des BSV Mitte sitzen gerade dreißig türkische Männer und schauen sich zusammen ein Fußballspiel an. Im Hinterzimmer erzählt Geschäftsführer Mustafa Askin Kara von der besten Entscheidung der jüngeren Vereinsgeschichte.

Es war die Entscheidung, einen deutschen Namen anzunehmen. Bis vor zwei Jahren hieß der BSV Mitte noch Fenerbahce Berlin, und mit ihm waren einige Lokale verbunden, in denen die Polizei bei einer Razzia auch Drogen fand. „Seitdem wir den neuen Namen haben, stehen uns alle Türen offen“, sagt Kara. Nur ein paar türkische Vereinsvertreter hätten den Kopf geschüttelt. Weiter öffnen wollen sie sich vor allem mit Jugendarbeit. Für die Jugendarbeit waren türkische Vereine bisher nicht berühmt. Der BSV Mitte hat nun vier Nachwuchs-Mannschaften, weitere sollen kommen, und kürzlich haben sie sogar ein besonderes Angebot bekommen. Die Fußballerinnen vom ASV Berlin, die gemeinsam mit ihnen im Poststadion spielen, hätten gefragt, ob sie nicht zu ihnen wechseln könnten. „Nächstes Jahr würden wir sie gerne aufnehmen. Auch im Vereinslokal wären sie uns willkommen“, sagt Kara.

Jugendarbeit für türkische und nicht-türkische Spieler ist ein gutes Mittel zur Integration, ein anderes ist die Mitarbeit in Gremien des Fußball-Verbandes. Koray Avsar ist einer der wenigen Türken, die sich im Verband engagieren, er ist für EDV zuständig und bei seinem Verein Anadoluspor zweiter Vorsitzender. Anadoluspor war der zweite türkische Verein, der in Berlin gegründet worden ist,1970 war das. Türkspor war 1965 der erste. Gerd Liesegang erwartet von den türkischen Klubs auch mehr Kontinuität in der Vereinsarbeit: „Wenn man sich an einen Vorstand gewöhnt hat, ist er schon wieder weg.“

Der SV Yesliyurt zeigt gerade, dass auch Erfolg integriert. Je höher der Klub kommt, desto mehr öffnet er sich. „Wir sind ein Berliner Verein und wollen etwas für den Berliner Fußball tun“, sagt Klubmanager Gökmen Ilkyaz. Zusammen mit Türkiyemspor spielt Yesliyurt in der Oberliga und ist damit der erfolgreichste türkische Klub Berlins. Während sein Vater Zeki Ilkyaz, der Vereinsvorsitzende, kein Deutsch spricht, ist Gökmen Ilkyaz in der deutschen Vereinslandschaft groß geworden. Der Fußball-Verband und das Sport-Begegnungszentrum hoffen daher darauf, dass schon der Generationswechsel die türkischen Vereine aus der Isolation holt.

Hilalspor hat erst einmal kleinere Integrationsziele, eine Patenschaft zu einem deutschen Verein stellt sich Adem Terzi vor. Vielleicht käme dann auch ein deutscher Spieler für die erste Mannschaft. Nur einmal hatten sie einen deutschen Spieler, Frank, „unser Torjäger“. Der spielte bis zu seinem Laufbahnende ohne Geld, weil ein türkischer Freund von ihm auch in der Mannschaft war. „Der liebt uns voll und kommt immer noch und trinkt Tee“, sagt Terzi. Er hofft darauf, dass sie wieder einen wie Frank bekommen.

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