Sport : Eine kleine Renaissance

Bei der Eishockey-WM erinnert das russische Team an alte Zeiten – und verliert doch 3:4 gegen Kanada

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Wien Auf den Tribünen der Wiener Stadthalle saß der Mann, der das alte russische Eishockey verkörpert wie kein anderer. Fast regungslos verfolgte Viktor Tichonow gestern Nachmittag das Halbfinalspiel der Weltmeisterschaft zwischen Kanada und Russland. Erst in der Schlussminute erhob sich der alte Mann, der jahrelang als Trainer der Sowjetunion das Welteishockey dominierte. In der ausverkauften Arena saß niemand mehr. Kanada hatte schon 4:0 geführt und rettete nur mit viel Glück einen 4:3 (3:0, 1:2, 0:1)-Erfolg über die Zeit. Der Weltmeister hat damit als erste Mannschaft das Endspiel der WM von Österreich erreicht und trifft heute (20.15 Uhr, DSF live) auf den Sieger des zweiten Halbfinals zwischen Schweden und Tschechien (bei Redaktionsschluss noch nicht beendet).

Als die Schlusssirene erklang, setzte sich Tichonow wieder. Die ganz große Renaissance des russischen Eishockeys hat auch in Wien nicht stattgefunden. Seit 1993 konnte die einstige Eishockey-Großmacht keinen WM-Titel mehr gewinnen, auch dieses Jahr bleibt den Russen nur das Spiel um Rang drei. Unter Trainer Wladimir Krikunow präsentierten sich die Russen immerhin wesentlich entschlossener als in den Vorjahren. Das belegt allein der Fakt, dass sie gestern ihre erste Niederlage im Turnier überhaupt kassierten. Allerdings war es auch die entscheidende Niederlage.

Die Kanadier hatten ihren Sieg bereits im ersten Drittel eindrucksvoll mit ihrem schnörkellosen Spiel eingeleitet. Der erste Torschuss des energisch nachsetzenden Wade Redden landete im russischen Tor. Und nach Treffern von Sheldon Souray und des in Freiburg geborenen Dany Heatley schien alles entschieden. Zumal Ed Jovankovski anfangs des Mittelabschnitts auf 4:0 erhöhte. Dann aber zeigten die Russen ihr anderes, neues Gesicht. Sie kämpften sich – und das gab es bei einem russischen Team zuletzt selten – zurück in die Partie: Nach Toren von Alexeij Senin, Alexeij Jaschin und Alexander Owetschin klatschte auf der Tribüne selbst der einstige Eishockey-Star Wjatscheslaw Fetisow begeistert mit. Doch ein weiteres Tor sollte der russische Sportminister nicht mehr sehen.

So hat Kanada zum dritten Mal in Folge ein WM-Endspiel erreicht. Und Stürmer Heatley ist überzeugt davon, dass seine Mannschaft heute auch zum dritten Mal in Folge Weltmeister wird: „Weil bei uns der Teamgeist nicht besser sein könnte.“ Während der Vorrunde nutzten die Kanadier einen spielfreien Tag zu einem gemeinsamen Ausflug nach Südtirol. Den Zusammenhalt hat es offensichtlich gefördert – auch wenn tags darauf das Vorrundenspiel gegen Schweden 4:5 verloren ging. Schließlich sind die Kanadier immer dann besonders stark, wenn es in die entscheidenden Spiele geht. Und das haben sie den Russen inzwischen voraus. Einst war das Duell beider Nationen das Spiel im Eishockey überhaupt, doch das ist lange her. 1996 hat Russland das letzte Mal gegen Kanada gewonnen – übrigens bei einer WM in Wien. Tsp

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