Sport : Eine Kolonie zum Anfassen

Rot-Weiss Ahlen ist so gut wie aufgestiegen

Mathias Klappenbach

Berlin - Erste Amtshandlung für den neuen Kotrainer war die Teilnahme an einer außerordentlichen Mitgliederversammlung. „Dort ging es darum, ob jetzt Insolvenz beantragt und der ehemalige Präsident verklagt werden muss“, sagt Christian Wück über die Zeit Ende 2006. Heute steigt Wück, der jetzt Chefcoach ist, mit Rot-Weiss Ahlen in die Zweite Liga auf. Anstatt, wie es sonst bei Kleinstadtklubs nach dem Rückzug des Sponsoren und Präsidenten üblich ist, nach einem Abstieg gleich weiter abzusteigen.

Gerettet hat den Klub damals die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, mehr als 600 000 Euro erhielt er als Gewinnanteil vom DFB. Zusammen mit einer Nachzahlung von 240 000 Euro aus der Zeit der Kirch-Krise war es möglich, die 800 000 Euro Schulden zu bereinigen. Die Altlasten stammten aus der Zeit, als Rot-Weiss Ahlen noch ein anderer Klub war – als Wück seine Arbeit aufnahm, hatte er erst seit drei Monaten seinen Namen. Davor hieß er LR Ahlen, wobei LR offiziell für „Leichtathletik Rasensport“ stand. LR Cosmetics hieß aber auch zufällig die Firma von Helmut Spikker. Der Geschäftsmann tauchte zu Beginn der neunziger Jahre im Mercedes an der Glückaufkampfbahn auf – dem Platz von Tus Ahlen am Rande der „Kolonie“ genannten Bergarbeitersiedlung. Tus stand vor dem Abstieg in die Kreisliga. Spikker übernahm den Verein, der mit Blau-Weiß Ahlen fusionierte und 1996 zu LR wurde. Mit dem neureichen Präsidenten stieg der Verein auf und auf, bis er 2000 die Zweite Liga erreichte.

Der Durchmarsch in die Bundesliga wurde knapp verpasst, und danach gaben sich Trainer wie Uwe Rapolder, Stefan Kuntz und Werner Lorant die Klinke in die Hand. Es reichte meist so gerade zum Klassenerhalt, bis zum Abstieg 2006. „Die One-Man-Show des Helmut Spikker ist vorbei“, sagte der lustlose und gesundheitlich angeschlagene Präsident und zog sich zurück. 50 Millionen Euro hatte er nach eigener Aussage investiert, um aus der maroden Glückaufkampfbahn das kleine Wersestadion zu machen und gealterte Stars wie Vladimir Jugovic, der einst mit Juventus Turin die Champions League gewonnen hatte, zu entlohnen.

Sehr beliebt war der Klub nicht. Ahlen liegt am Rande des Ruhrgebietes, 30 Kilometer östlich von Dortmund. 2000 hat die Zeche endgültig zugemacht. In der „Kolonie“ werden Typen wie Spikker alles andere als geachtet. Und doch wäre der erstaunliche Wiederaufstieg mit einem sehr kleinen Etat ohne Spikker kaum möglich gewesen. In seiner Zeit wurde auch eine professionelle Infrastruktur mit einem Jugendleistungszentrum geschaffen, von dem der aktuelle Kader profitiert.

Ahlen hat jetzt eine offensiv spielende junge Mannschaft, die in Stadt und Umland viele Sympathien gewonnen hat und es dem Klub ermöglicht, mit mehreren kleinen Sponsoren zu überleben. „Wir haben eine ganz andere Außenwirkung, sind ein Verein zum Anfassen“, sagt Präsident Heinz-Jürgen Gosda. Ahlen müsste heute schon zweistellig in Babelsberg verlieren, um den Aufstieg noch zu gefährden. Deshalb wurde schon am vergangenen Wochenende das „Wunder von Ahlen“ gefeiert. Mit Autokorso, Empfang auf dem Rathausbalkon und ein paar tausend echten Fans auf dem Marktplatz.

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