Sport : Eine Kugel von Welt

Elgin Justen darf zum ersten Mal bei den World Games antreten – sie ist die zurzeit beste Keglerin

Erik Eggers[Duisburg]

Das tückische Hinterholz. Die gefährlichen Wellen. Die unselige Unruhe vor dem Start. Die Gegnerinnen sowieso. All das hat sie wieder besiegt. Deswegen huscht der sonst so coolen Elgin Justen endlich ein kleines Lächeln über das Gesicht.

Elgin Justen hat den Kegel-Vorkampf der 7. World Games in Duisburg hinter sich, bei denen sich Sportarten für das olympische Programm empfehlen wollen. Sie wacht erst aus ihrer Trance auf, als die 100 Zuschauer sie enthusiastisch beklatschen. „Das hat ganz gut geklappt“, sagt die 27-Jährige. Das Understatement entspricht ihrem eher introvertierten Charakter. In Wahrheit hat sie wieder gespielt mit der Konkurrenz, mit 829 Holz hat die derzeit beste Keglerin der Welt ihre Dominanz auch in der Sporthalle an der Krefelder Straße unterstrichen. Nicht einmal der zehnköpfige Trupp aus dem Saarland, der es nach fast jeder Neun mit einem dreifachen „Gut Holz“ krachen lässt, hat sie ablenken können.

Das Klischee, das dabei entsteht, nervt Justen übrigens gewaltig. Es lautet: Kegeln diene nur als Vorwand zur rauschhaften Geselligkeit, „dass man dreimal wirft und sich dann wieder ans Bier setzt“. Ihr Sport, darauf legt die Frau vom Sportkegelverein Trier großen Wert, sei „nicht zu verwechseln mit dem Kneipenkegeln“. Um zu dokumentieren, dass es sich bei ihrem Niveau um Leistungssport handelt, zeigt sie auf ihr linkes Bein, das Standbein beim Wurf. Die Muskelmasse, die unter einem präventiv angelegten Tape um den Oberschenkel hervorragt, ähnelt der einer Sprinterin. Das rechte Bein wirkt dagegen spindeldürr. Radfahren, Schwimmen und Laufen, kein Ausgleichssport hat das ungleiche Beinpaar verhindern können, das durch die einseitige Belastung beim Wurf entstanden ist.

Warum ist ausgerechnet sie die Beste? „Elgin ist unglaublich ehrgeizig“, sagt Bundestrainer Michael Teschner. Vor allem aber ist sie „eine klar denkende Sportlerin. Wenn sie eine Chance sieht, dann nutzt sie das.“ Für den Wettkampf in Duisburg hat sie festgestellt, dass das so genannte Hinterholz, das am hinteren Ende der Neuner-Raute aus Kegeln steht, schwerer fällt als anderswo. Ihre Antwort: Noch aggressiver und riskanter die kleine Kehlung ausnutzen. Wenn sie warf, tanzte die 2,8 kg schwere Kugel geradezu auf der Kante der Bahn. Fast immer traf sie das Vorderholz perfekt: Nicht frontal, sondern leicht versetzt. So dass der Rest ineinander kracht.

„Elgins Vorzug ist ihre Kühle“, sagt Marjon Behrends. Die Holländerin ist Justens schärfste Konkurrentin. Nach den 120 Würfen in Duisburg hat sie eine ganze Welt, nämlich 59 Holz, auf Justen verloren hat. „Ellen schließt sich beim Wettkampf ganz ab.“ Justen, die in Köln als Heilpädagogin arbeitet, formuliert es so: „Wenn man auf die Ergebnisse der anderen schaut, dann wird man fest.“ Deswegen hat sie sich offenbar dazu entschlossen, in einer eigenen Liga zu kegeln. Sie ignoriert die Mitstreiterinnen – ähnlich wie Steffi Graf, die zu ihren besten Zeiten ebenfalls nie die Gegnerin, sondern nur den perfekten Schlag zum Maßstab nahm.

Justens Ergebnisse sprechen für sich: 2003 wurde sie in Belgien Weltmeisterin. Im Mai 2005, als sie in Hagen die Europameisterschaft gewann, warf sie mit 903 von 1080 möglichen Holz einen sagenhaften Weltrekord. Sie war 60 Holz besser als der beste Mann. „Da war ich im Flow“, sagt sie. Das allerdings, meint sie, wird beim heutigen Finale, wo es wieder bei null losgeht, nicht zu wiederholen sein. Die Bahn hat zu viele Unebenheiten; die Hitze hat das Holz verzogen, um Millimeter zwar nur, aber das reicht. Und da ist noch das tückische Hinterholz.

Elgin Justen hofft, dass ihre Sportart, die sich erstmals bei den Weltspielen präsentiert, auch bei der nächsten Veranstaltung 2009 in Taiwan zum Programm gehört – und mit ihr etwa 200 000 Sportler in den 25 Ländern, in denen organisiert gekegelt wird. „Hier sind viele Taiwanesen mit Kameras, die haben alles gefilmt“, hat Justen schon beobachtet. Sie hätten sich darüber gewundert, „dass in den Kugeln keine Löcher sind“. In Taiwan nämlich kennen sie Kegeln nicht. Dort wird gebowlt.

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