Sport : Eine Lücke, die bleibt

Robert Ide über die Eröffnungsrede von Jacques Rogge

Robert Ide

Einen glücklichen Eindruck machte Jacques Rogge nicht. Starr hockte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees auf der Ehrentribüne des Olympiastadions, während Chinas Staatschef Hu Jintao selig lächelnd in die Menge winkte. Der mächtigste Mann des Sports wirkte auch gestern nicht wie der wichtigste Mann der Spiele.

Dann redete Rogge vor der Weltöffentlichkeit. Der letzte Moment brach an für ihn, die Spiele wieder zurückzuführen vom chinesischen Spektakel zum olympischen Ereignis. Rogge hielt sich höflich zurück – und vergab diesen Moment.

„Vergesst nicht, dass es um mehr geht als um Sport“, mahnte er und wünschte sich Frieden auf der Welt sowie ein Eintreten der Athleten gegen Doping. Rogge gedachte der chinesischen Erdbebenopfer, nicht aber auch der Opfer in Tibet. Es stimmt ja: Rogge ist nur ein Sportfunktionär. Aber hat nicht auch das IOC mit dem Slogan „Celebrate humanity“ geworben? Das Wort Menschenrechte blieb in Rogges Rede aus. Diese Lücke wird bleiben.

Es kann sein, dass Rogge stille Diplomatie hinter den Kulissen betreibt. Die Chinesen haben die Inszenierung dennoch in ihrer Hand. Das IOC ist weiterhin nicht Herr der eigenen Veranstaltung.

Die Spiele in Peking hat Rogge geerbt, er trat erst kurz nach der Vergabe sein Amt an – als Erneuerer der olympischen Bewegung. Der Fackellauf, der gestern endlich zu Ende ging, geriet zur Propaganda- und Protest-Farce. Die internationale Presse hat selbst auf olympischem Terrain keinen unbeschränkten Zugang zum Internet. Jacques Rogge hat das alles ohne große Proteste hingenommen. Und auch im wichtigsten Moment seiner Amtszeit blieb sich Rogge treu – er schwieg.

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