Sport : Eine Medaille, mit der sie leben kann

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein gewinnt über 5000 Meter Silber

Christiane Mitatselis[Turin]

Als das Rennen gelaufen war, warf sich Claudia Pechstein bäuchlings aufs Eis des „Oval Lingotto“ von Turin. Eine riesige Schaumstoffhand nutzte sie als Unterlage. So konnte die Berliner Eisschnellläuferin einen Eis-Diver ohne Verletzungsrisiko wagen. Überhaupt wirkte Pechstein gestern Abend glücklich und gelöst – auch ohne Goldmedaille in einer Einzeldisziplin. Aber zum Abschluss der olympischen Eisschnelllauf-Wettkämpfe von Turin gewann sie immerhin die Silbermedaille über 5000 Meter. In einer Zeit von 7:00,08 Minuten war die 34-Jährige 1,01 Sekunden langsamer als die kanadische Siegerin Clara Hughes. Bronze holte deren Teamkollegin Cindy Klassen, die eine halbe Sekunde hinter Pechstein lag. Fünfte wurde die Erfurterin Daniela Anschütz-Thoms.

Pechstein hatte ursprünglich den Sieg über 5000 Meter angestrebt, schließlich wäre es ihr vierter olympischer Erfolg auf dieser Strecke in Serie gewesen – eine Leistung, die noch keiner Eisschnellläuferin geglückt ist. Doch da zuvor vieles nicht nach Wunsch gelaufen ist, konnte Pechstein „sehr gut mit Silber leben.“ Mit gesundheitlichen Problemen hatte sie sich in Turin herumgeschlagen, an Husten und Atemnot gelitten und deshalb auf das 1500-Meter-Rennen am Mittwoch verzichtet. „Das musste im Sinne der Erholung sein“, sagte Pechstein, die neben der silbernen die goldene Medaille aus dem Turiner Teamwettbewerb mit nach Hause nimmt. Mit insgesamt fünf Gold-, zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen führt sie die Rangliste der deutschen Winter-Olympioniken weiterhin souverän an.

Pechstein ging im letzten Paar zusammen mit der 33-jährigen Hughes an den Start. Die Berlinerin teilte sich ihr Rennen gut ein, sie lief kraftvoll und lag bis zur vorletzten Runden etwa eine Sekunde vor der Kanadierin, die am Ende aber noch die größeren Kraftreserven hatte. „Ich bin gelaufen als ginge es um meine Leben“, berichtete Clara Hughes. „Ich hatte mit Claudia eine großartige Gegnerin, die mich super gepusht hat.“ Überhaupt haben die Kanadierinnen in Turin ein traumhaftes Ergebnis erzielt: Insgesamt sieben Medaillen gewannen die Frauen des „Team Canada“ – zweimal Gold, dreimal Silber und zweimal Bronze. Die Deutschen, einstige Weltmacht im Eisschnelllauf, blieben dagegen zum ersten Mal seit 1976 ohne Sieg auf einer Einzelstrecke. 2002, in Salt Lake City, hatte das deutsche Team noch sieben Medaillen, darunter drei goldene, gewonnen.

Diesmal waren es nur zwei (Bronze und Silber) plus Gold im Teamwettbewerb, der in Turin neu eingeführt wurde. Auf das Thema der neuen deutschen Erfolgsschwierigkeiten in den Einzeldisziplinen wollte Pechstein am Samstag nicht näher eingehen: Sie sagte nur: „Ich hoffe nicht, dass es eine Wachablösung gibt.“ Und dann fügte sie etwas trotzig hinzu: „Die Jüngeren müssten eigentlich schneller laufen als ich mit meinen 34 Jahren.“ Die deutschen Trainer sollten sich mehr Gedanken über das Nachwuchsthema machen, sagte Pechstein.

Zu alt, um ihre Laufbahn fortzusetzen, fühlt sich die Berlinerin noch nicht. Im Gegenteil: Gerüchte, sie denke über ein Karriereende nach, dementierte sie entschieden. „Ich fahre die Saison zu Ende Danach werde ich überlegen, wie lange ich noch weiterlaufe. Aber ich laufe erst einmal weiter.“ Dass sie sogar bei den kommenden Olympischen Spielen 2010 im kanadischen Vancouver antreten könnte, wollte Pechstein nicht ausschließen. „Wir werden sehen“, sagte sie lächelnd.

Es gab eine Nachricht, die die gute Laune der deutschen Eisschnellläuferin noch verstärkte: Bei der Schlussfeier von Turin darf Claudia Pechstein am Sonntagabend die deutsche Fahne ins „Stadio Olimpico“ tragen.

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