Sport : Eine Mischung aus Schalke und Chelsea

Schachtjor Donezk steigt zum Spitzenklub auf

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Kerzenwunder. Heute kann Schachtjor in der Donbas-Arena ins Viertelfinale der Champions League einziehen.Foto: Reuters
Kerzenwunder. Heute kann Schachtjor in der Donbas-Arena ins Viertelfinale der Champions League einziehen.Foto: ReutersFoto: REUTERS

Berlin - Im August 2009 ist in Donezk, gelegen im Osten der Ukraine, ein Ufo gelandet. Doch während unbekannte Flugobjekte anderswo nur flüchtig erscheinen und schnell wieder verschwinden, ist die Donbas-Arena des Vereins Schachtjor Donezk fest im Boden verankert. Der von den eigenen Fans gebrauchte Spitzname Ufo erklärt sich aus dem Kontrast zwischen dem nachts neonblau leuchtenden Stadion und den grauen Plattenbauten in seiner Umgebung. Und genauso wie die gut 50 000 Fans fassende Arena – in der bei der EM 2012 ein Halbfinale gespielt wird – dauerhaft glänzen soll, könnte sich auch Schachtjor einen festen Platz in der ersten Reihe des europäischen Fußballs erkämpfen. Nach dem Uefa-Cup-Sieg vor zwei Jahren ist nun das Viertelfinale der Champions League ganz nah: Heute empfangen die Ukrainer im Achtelfinal-Rückspiel den AS Rom (20.45 Uhr, Sky), das Hinspiel in Italien hat Donezk bereits 3:2 gewonnen.

Der deutsche Filmemacher Jakob Preuss hat sich vor kurzem intensiv mit dem Verein beschäftigt. Herausgekommen ist „The Other Chelsea“, beim Nachwuchs-Festival in Saarbrücken mit dem Max-Ophüls-Preis als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Preuss zeichnet das Bild einer Region, die dem Ruhrgebiet der 60er und 70er Jahre ähnelt. Zerklüftete Industrielandschaften, veraltete Infrastruktur. Die Ähnlichkeiten zu Schalke 04 gehen aber noch weiter, denn Schachtjor ist im Industrierevier Donbas beheimatet, wo Braunkohle gefördert wird. So entstand der Verein 1936 als Arbeiterbewegung, wo die Kumpel nach Feierabend zusammen kickten. Zu Sowjet-Zeiten galt Schachtjor als graue Maus, aber auch als Pokalmannschaft. „Der Aufstieg begann, als Rinat Achmetow den Verein übernahm“, sagt Preuss. 2002 gelang der erste Meistertitel, dann folgte der Bau der Donbas-Arena.

Die Geschichte Achmetows spiegelt die Entwicklung der Ukraine seit der Unabhängigkeit 1991 wieder, eine Tellerwäscher-zum-Milliardär-Story. Der Sohn eines Bergmanns baute sich ein Imperium auf, nachdem sein Verwandter Alik Grek, eine Unterweltgröße, im alten Schachtjor-Stadion einem Bombenattentat zum Opfer fiel. Man habe den Toten nur noch an seiner goldenen Rolex identifizieren können, sagen Leute in der Ukraine. Achmetow baute sich ein Vermögen mit unklarer Herkunft auf, dessen Höhe je nach Schätzung zwischen drei und 30 Milliarden Dollar beträgt. Heute gilt er als der starke Mann hinter dem ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, dessen Wahlkampf er großzügig unterstützte.

Der 44-jährige Achmetow beschäftigt in seinen diversen Firmen mehr als 150 000 Mitarbeiter – sieben von ihnen sind brasilianische Fußballprofis in Diensten von Schachtjor, allesamt Offensivspieler. Alle drei Tore im Hinspiel in Rom wurden von diesen Brasilianern erzielt. Kapitän der Mannschaft ist aber ein Kroate: Darijo Srna, dessen Freistöße und Flanken bei den Gegnern gefürchtet sind. Aus einer stabilen Defensive heraus setzt das Team des rumänischen Trainers Mircea Lucescu gekonnt auf Ballbesitz und lehrt Europa das Fürchten. So könnten noch viele Vereine im Anblick des Ufos Angst bekommen.

„The Other Chelsea“ läuft in Berlin im Rahmen des „Achtung Berlin“-Filmfestivals (13. - 20. April).

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