Sport : Eine neue Autonomie-Debatte

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Erik Eggers über die Anschuldigungen gegen Bayer Leverkusen und die Folgen

Der deutsche Sport besaß nach dem Zweiten Weltkrieg viele gute Gründe, eine größtmögliche Autonomie einzufordern. War er doch in allen vorherigen politischen Systemen – im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und vor allem im NS-Staat – allzu oft zu einem politischen Instrument degradiert worden, waren seine Funktionäre nicht selten nur Befehlsempfänger gewesen, um Wehrertüchtigung, militärische Disziplin und „Volksgesundheit“ durchzusetzen. Natürlich führte der deutsche Sport auch danach kein Leben in einer entrückten Oase, seine Funktionäre mussten sich durchlavieren, etwa bei den vielen Fallstricken des Ost-West-Konfliktes. Doch immerhin schafften es bedeutende Männer wie Willi Daume tatsächlich, sich aller Probleme zum Trotz eine gewisse Unabhängigkeit zu schaffen.

Heute muss sich der Leistungssport nicht mehr der politischen Einflussnahme erwehren, heute bedrohen andere Faktoren seine ideelle Basis. Der Kampf gegen Doping, das in allen populären und lukrativen Sportarten um sich greift, scheint fast aussichtslos, zumal auf internationaler Ebene. Es ist eine deprimierende Erkenntnis, dass, wenn etwas schief läuft im Sport oder bei seinen Sportlern, der Sport und seine Institutionen nur in den seltensten Fällen selbst die Kraft aufbringen, Missstände und Skandale aufzudecken und so den nach außen vertretenen Anspruch hinsichtlich Moral, Fairness und Gerechtigkeit selbst aufrechtzuerhalten. Auch im Fall der neuen, noch unbewiesenen Vorwürfe gegen Leverkusen, Daum und Nowotny ist das so; dies ist ausschließlich ein Produkt der Staatsanwaltschaft, nicht der Verbandsorgane.

Und so muss man heute die Frage erneut stellen: Darf, kann der Sport weiter so streng auf seine Autonomie pochen? Das deutsche IOC-Mitglied Bach hat diese Frage schon im Kern beantwortet, als er jetzt beim Bundesinnenminister um Hilfe bat bei der Aufklärung des Eiskunstlaufskandals von Salt Lake City. Auch Bach denkt offenbar, dass der Sport selbst nicht stark genug ist, den Verlockungen des Kommerzes zu entsagen. Und man muss ja, wenn sich die Vorwürfe als wahr herausstellen, davon ausgehen, dass dies kein Einzelfall ist, sondern gängige Praxis. Der Fall Leverkusen eröffnet eine neue Debatte im deutschen Sport.

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