Sport : Eine neue Erfahrung

Nationalstürmer Kevin Kuranyi ist beim VfB Stuttgart derzeit nur zweite Wahl

Oliver Trust[Stuttgart]

Ohne äußere Gefühlsregung eilte Kevin Kuranyi auf den Platz. Vielleicht war der 22 Jahre alte Fußballprofi froh, dass ihn dabei nur wenige der 45 000 Zuschauer beobachtet hatten. Der Anhang des VfB Stuttgart befand sich nach dem 4:2-Auftakterfolg über Aufsteiger Mainz 05 in bester Stimmung gerade auf dem Heimweg, als der Nationalspieler zu Überstunden auf dem Trainingsgelände des VfB neben dem Gottlieb-Daimler-Stadion antreten musste.

Der Nationalspieler trainierte nach dem Spiel mit den Reservisten und den anderen Einwechselspielern noch eine Stunde. Auch Philipp Lahm, der nach 72 Minuten gegen Mainz eingewechselt wurde, war dabei. Vorher saßen die beiden EM-Teilnehmer im ersten Spiel der Saison nur auf der Bank, Kuranyi durfte nach einer Stunde für Imre Szabics auf das Feld. Vorher schaute er seinem Vertreter Cacau dabei zu, wie der mit den ersten beiden seiner drei Tore das Spiel alleine entschied. „Kevin muss strampeln“, sagte VfB-Coach Matthias Sammer trocken. „Aber er sollte sich nicht zu viele Gedanken machen, ich brauche ihn mehr denn je. Kuranyi und Lahm sind nach der EM später ins Training eingestiegen, deshalb habe ich andere spielen lassen.“

Bereits am 18. August steht das erste Länderspiel unter dem neuen Bundestrainer Jürgen Klinsmann gegen Österreich an. Keine einfache Situation für Kuranyi, der nach Cacaus Auftritt fürchten muss, auch in den nächsten Wochen im Klub nur zweite Wahl zu sein.

Philipp Lahm sieht die Zwangspause locker. „Darüber, dass ich auf der Bank saß, muss der Trainer nicht mit mir sprechen, Kevin und ich hatten eine stressige EM und wenig Urlaub“, sagte Lahm. Während Kuranyi („Mir fehlt noch etwas die Spritzigkeit“) um seine Rückkehr in die Startelf kämpft, hat der 23 Jahre alte Cacau nach seinen drei Treffern nun beste Chancen, in der Anfangsformation den Platz neben dem Ungar Imre Szabics zu besetzen. „Ich habe jetzt eine andere Einstellung. Heute weiß ich, dass ich in jedem Training Gas geben muss. Früher war ich viel zu schnell zufrieden“, sagte Cacau. Mit seinem Konkurrenten Kuranyi habe er ein gutes Verhältnis. „Wir teilen uns ein Zimmer vor den Spielen im Hotel und verstehen uns sehr gut. Es gibt keine Probleme, im Gegenteil.“

Cacau bedankte sich wie üblich bei Gott für seine Treffer, diesmal zog er sein Trikot beim Torjubel aber nicht über den Kopf. In der Vergangenheit trug er unter dem Trikot ein T-Shirt mit der Aufschrift „Jesus gibt mir Kraft“. Nach einer Regeländerung des Weltverbandes Fifa würde er dafür in dieser Saison die Gelbe Karte sehen. Cacau streckte deshalb die Arme mit ausgestreckten Zeigefingern nach oben und warf anschließend eine Kusshand gen Himmel. „Ich habe eine Chance bekommen, und diesmal habe ich sie genutzt“, sagte Cacau.

Schon beim 1.FC Nürnberg und in der vergangenen Saison in Stuttgart hatte Cacau in der Vorbereitung überzeugt. Doch der als sensibel geltende Cacau zeigte in der Saison dann keine konstanten Leistungen, Sammers Vorgänger Felix Magath setzte ihn oft gar nicht ein. Und wenn Cacau mal spielte, wurde er von den Stuttgarter Fans ausgepfiffen. Diesmal feierten sie ihn. „Ich bin froh, dass ich etwas vom Vertrauen an den Trainer und die Fans zurückzahlen konnte. Das Spiel heute aber soll nur der Anfang sein“, sagte Cacau.

„Er hat schon in der Vorbereitung gezeigt, dass er derzeit unser bester Stürmer ist“, sagte Sammer, der Cacau aber auch vor einem Rückfall in alte Zeiten warnte. Vor der Saison hieß die Frage, wer beim VfB neben Kuranyi stürmen wird. Wenn Cacau die Warnung von Matthias Sammer verinnerlicht hat, könnte die Frage ab jetzt lauten, wer neben Cacau stürmt: Imre Szabics oder Kevin Kuranyi.

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