Sport : Eine neue "Lokomotive"

HARTMUT SCHERZER

MAUBEUGE . Das Bild hat etwas Majestätisches. Den athletischen, schlanken Körper im ferrari-roten Trikot aufgerichtet, die Arme weit ausgebreitet wie ein Verkehrspolizist, signalisiert Mario Cipollini über dem Zielstrich aller Welt: An mir kommt keiner vorbei. Die Demonstration seiner Überlegenheit gipfelt in einem souveränen Blick zurück. Fast ehrerbietig, hechelt die Meute der Geschlagenen hinterher. Steels, Kirsipuu, Zabel. "Il Re Leone", der König der Löwen, "Il Magnifico" - so huldigen die italienischen Medien der schillerndsten Persönlichkeit des Pelotons. "Man denkt, man hat ihn. Doch dann bringt er plötzlich solche Dinger und ist wie der Außerirdische unterwegs", sagt Erik Zabel voller Bewunderung.Auf den ersten drei Etappen der 86.Tour de France hat man "Super-Mario", obwohl eigentlich unübersehbar, im Massensprint vorn nicht gesehen. Dann gewinnt der italienische Velo-Star hintereinander die vierte und fünfte Etappe. "Das zeigt eben Cipos außergewöhnliche Klasse", sagt Zabel. Sein großer Sprint-Rivale der letzten fünf Jahre hat aber auch eine außergewöhnlich schnelle "Lokomotive" für den roten "Saeco-TGV": Gian Matteo Fagnini. Wenn alle anderen Spurthelfer längst ausgepumpt sind, die Beine hoch nehmen und ausscheren, zieht Fagnini - als letzter verbliebener aller Domestiken - seinem Herrn und Meister immer noch den Sprint bis zur 200-Meter-Marke durch. In der nächsten Saison nun wird dem 28 Jahre alten Italiener aus Lecco Erik Zabel am Hinterrad kleben. "Die Gespräche sind so weit, daß Fagnini zu uns kommt. Davon gehe ich aus", bestätigt Walter Godefroot, der Chef des Teams Telekom, den Kontakt. Im September, mit dem offiziellen Beginn der Transferzeit, werde der Vertrag unterschrieben. Fagnini soll den Platz seines Landsmannes Giovanni Lombardi einnehmen, der keine Form und auch nicht mehr den Ehrgeiz hatte, Zabel zum Sieg zu ziehen.Mit Steffen Wesemann und Fagnini bekommt der schnellste Mann der Telekom also eine "Doppel-Lok". Den Kontakt zum Cipollini-Domestiken hatte Erik Zabel selbst hergestellt. "Schon vor Monaten hat mich Fagnini angesprochen und den Wunsch geäußert, zu Telekom zu wechseln. Ich war sofort einverstanden und habe das Anliegen an Walter Godefroot weitergegeben." Umdenken also beim Team Telekom, das in den letzten beiden Jahren nur auf Jan Ullrich setzte und Erik Zabel die Rolle des Einzelkämpfers überließ. Godefroot hatte ihm vor dem Ausfall Ullrichs eröffnet: "Erik, du mußt sehen, wie du alleine durchkommst."Das Grüne Trikot, seit drei Jahren Zabels Standarduniform auf dem Weg nach Paris, wird zumindest von Mario Cipollini nicht bedroht. Vor dem Gebirge wird sich der 32jährige Beau von 1,91 Meter wohl - wie alle Jahre zuvor - von der Tour verabschieden und am Strand das Leben und seinen aufgefrischten Ruhm genießen. "Jeder Sieg ist die Frucht der Arbeit einer ganzen Karriere", sagt Cipollini. Und obwohl schon über 140 Siege in elf Jahren seinen Früchtekorb füllen, bereite ihm immer noch der Sieg ein "großes Glücksgefühl". Ein Sieg freilich wird für den Alberto Tomba der Landstraße wohl ewig ein Traum bleiben, die "grande emotion", auf den Champs Elysees den königlichen Sprint zu demonstrieren und zu zelebrieren. Nie - bei sechs Tour-Starts - hat Mario Cipollini bis Paris durchgehalten. Dafür nimmt der Playboy des Radsports diesmal zwei bemerkenswerte Rekorde mit in den Strandurlaub, während sich die Tour über die Alpen und die Pyrenäen quält. Mit seinem zehnten Etappensieg übertraf der schöne Toskaner die italienische Rad-Legende Fausto Coppi. Cipollini voller Ehrfurcht: "Ich bin nicht einen Schuh von Coppi wert." Mit 50,355 km/std Durchschnittsgeschwindigkeit überschritt Cipollini auf der vierten Etappe das magische Tempo-Limit des öffentlichen Straßenverkehrs.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben