Sport : Eine Niederlage soll aufbauen

Nach der vierten Pleite in Folge reden sich die Berliner Eisbären stark

Claus Vetter

Berlin - Der Trainer winkte, sein Torwart staunte. Runter vom Eis, aber schnell, bedeutete Pierre Pagé Schlussmann Youri Ziffzer. „Ich habe es nicht glauben können“, erzählt der, „so etwas habe ich noch nie erlebt, und da war ich bestimmt nicht der Einzige im Stadion.“ Nein, der junge Torwart der Eisbären war am Donnerstag nicht der einzige Mensch im Sportforum Hohenschönhausen, der von Pagés Maßnahme überrascht wurde: 2:2 stand es in der Verlängerung im Spiel des deutschen Eishockeymeisters gegen die Düsseldorfer EG, die Berliner waren sogar in Überzahl und dann holt ein Trainer den Torwart vom Eis? Fünf Berliner Feldspieler sollten gegen drei Düsseldorfer ein Tor erzielen, hoffte Pagé und sah wenig später den Puck ins verwaiste Berliner Netz sausen: 2:3, Spiel vorbei, wieder hatten die Eisbären verloren, zum vierten Mal in Folge.

Natürlich hatte Pagé eine Erklärung für den Mut zum Risiko. „Ich wollte für Intensität in unserem Spiel sorgen.“ Wachrütteln also. Außerdem habe man im Powerplay doch zuvor ganz gut ausgesehen, sagte der Kanadier. Das ließ sich auch anders sehen, mitunter hatten sich die Berliner in Überzahl gegen die DEG unbeholfen angestellt. Das dritte Gegentor war insofern nach Pagés Idee, ohne Torwart zu spielen, der zu erwartende tragische Höhepunkt für die Eisbären. Wieder einmal waren sie mit Getöse an einem Erfolgserlebnis vorbeigeschrammt, was Torwart Ziffzer besonders bitter fand: „Schließlich hätten wir den Sieg verdient gehabt.“

Hätten? Der Konjunktiv soll nicht zum treuen Begleiter des zweifachen Meisters werden, sagt Ziffzer. „Ich bin mir sicher, dass wir nach der unglücklichen Niederlage gegen Düsseldorf nun am Samstag bei den Hamburg Freezers gewinnen.“ Manager Peter John Lee verspricht dagegen gar nichts. „Ich habe das Gefühl, dass wir in entscheidenden Momenten kein Glück haben“, sagt er. Immerhin sind nun zwei Mentaltrainer im Stab des Klubs, die sich mit den Gefühlen der Glücklosen beschäftigen. Neben Markus Flemming ist das Paul Henry. Der kanadische Sportpsychologe, seit drei Jahrzehnten im professionellen Eishockey tätig, ist nett, eloquent und redet nordamerikanisch positiv. Er hat am Donnerstag „einen unglaublichen Torwart Ziffzer“ und „ein hart kämpfendes Berliner Team“ gesehen. Die Niederlage war also ein Sieg? Nein, sagt Henry, aber: „Das Spiel hat uns aufgebaut. Die Saison ist kein Sprint, sondern ein Marathon.“ Und die Angelegenheit mit dem Torwart zum Schluss? „Gewinner gehen Risiken ein“, sagt er. „Da müssen sie auch mit den Konsequenzen leben.“

Pagés Episode mit dem Torhüter, die in der Deutschen Eishockey-Liga in dieser Form als eine Rarität durchgeht, hat den Eisbären erst mal nicht geholfen. Des Trainers Nerven waren nach dem Spiel dementsprechend angespannt. „Manchmal wird Mut eben nicht belohnt“, sagte er und versprach dann: „Bald werden wir mehr Punkte haben.“ Nach negativen Äußerungen über seinen Klub war dem frustrierten Kanadier nicht mehr zumute. Trainer und Manager hätten sich ausgesprochen, nachdem Pagé öffentlich die Politik im Management kritisiert hatte, sagt Lee. „Wir wollen die Dinge künftig intern klären.“

Es gibt eine Menge zu klären bei den Eisbären. Bis zwei Uhr morgens hat Manager Lee nach der Niederlage gegen die Düsseldorfer EG mit Spielervermittlern in Nordamerika telefoniert. Konkrete Resultate wolle er nicht verraten. Sicher würden noch neue Spieler kommen, sagt er. Aber bis dahin solle sich kein Profi aus der Verantwortung stehlen. „Wir brauchen ein Erfolgserlebnis, um die Verkrampfung zu lösen.“ Pagés Abenteuer mit dem Torwart im Spiel gegen Düsseldorf habe vielleicht im Nachhinein einen guten Aspekt, sagt Peter John Lee. „Er musste die Spieler irgendwie überraschen, damit alle den Ernst der Lage erkennen.“ Sollten die Berliner heute ihr Auswärtsspiel bei den Hamburg Freezers verlieren, dann wäre die Lage der Eisbären ernster denn je in der viereinhalb Jahre langen Amtszeit des Trainers: Fünf Niederlagen in Folge gab es unter Pierre Pagé in Berlin noch nicht.

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