Sport : Eine ortlose Kraft mit Eigensinn

Eine systemtheoretische Betrachtung des Jokers

Wolfram Eilenberger

Konnte er nicht oder wollte er nicht, damals, im Frühjahr 2002, als Mehmet Scholl die Nation mit dem Entschluss bekümmerte, er stehe für die Weltmeisterschaft nicht zur Verfügung? Nach einer Verletzungsserie gab Scholl zu bedenken, „nur eine Viertelstunde mitspielen, ein paar Aktionen setzen und eventuell einen Freistoß versenken“, das „reicht nicht aus“. Solch eine Leistungserwartung bleibe hinter den Ansprüchen einer WM zurück – und hinter den Ansprüchen, die er, Scholl, der potenzielle Weltstar, an sich selber richte.

Eine seltsame Begründung. Was Scholl tat, war nichts anderes, als ebenjener Funktion internationale Satisfaktionsfähigkeit abzusprechen, die Scholl fortan beim FC Bayern innehaben und – augenscheinlich mit Genuss – beispielhaft ausfüllen sollte. Wie kein anderer Bundesligaspieler der letzten Jahrzehnte wird der alternde Scholl den heiklen Anforderungen an die Rolle des Jokers gerecht. Gemäß dem führenden deutschen Systemtheoretiker Dirk Baecker zeichnet einen Joker aus, „dass er die Dinge durcheinander bringt, indem er an Stellen Verzweigungen schafft, an denen man nicht mit ihnen rechnete, den man jedoch immer dann, wenn man einer neuen Verzweigung folgt, wieder aus den Augen verliert, bis er eine neue überraschende Verzweigung schafft. Der Joker ist das Prinzip der Nichtlinearität. Er etabliert eine parasitäre Beziehung zu einer bestehenden Relation.“ Eine parasitäre Felderscheinung ist Fußball-Joker Scholl in zweifacher Hinsicht. Zum einen profitiert er als spät ins Spiel geworfene Figur von den Ermüdungserscheinungen seiner Mitspieler und Gegner, zum anderen ermöglicht ihm die eiserne taktische Disziplin seiner Kameraden, dort neue Möglichkeiten freizulegen, wo man sich längst mit den bestehenden Verhältnissen eingerichtet hatte.

Was den Joker par excellence vom kreativen Spielgestalter oder auch konstant spielentscheidenden Torjäger unterscheidet, ist seine wesensbedingte Fahrigkeit und Eigensinnigkeit. Für wenige intensive Minuten lässt sie ihn glänzen, über die gesamte Spieldistanz hingegen wird sie als ärgerliche Unzulänglichkeit erkennbar. Der Joker verliert an Überzeugungskraft, je ernster er als Gestalter genommen wird. Dafür braucht er weder Anlaufzeit noch die Gewöhnung an Mitspieler. Nur als ungebundene, ortlose Kraft findet er sein Spiel.

Dass der Witz des Joker-Daseins darin liegt, sich bestehenden Hierarchien lustvoll zu entziehen, lässt seine namensspendende Rolle im Kartenspiel erahnen, in welchem der Joker König, Dame und Edelmann wahlweise aufzuwiegen, gar zu übertrumpfen vermag, womit er – dem Fußballspiel analog – der vom Volk gern durchgespielten Utopie eines bis zum letzten Moment offenen Spiels ein schelmisches Antlitz verleiht. Aus systemtheoretischer Perspektive ließe sich gar andenken, der Joker erfülle in Bezug zum jeweilig vorherrschenden Spielsystem die gleiche Funktion wie das Fußballspiel in bezug auf die Gesellschaft. Die Gestalt des Jokers verkörpert demgemäß den subversiven Geist des Spiels selbst – womit auch erklärt wäre, weshalb eine Joker-Gestalt à la Scholl von den Fans so geliebt, ja geradezu vergöttert wird.

Als Bundestrainer Jürgen Klinsmann unlängst verkündete, im Prinzip seien die WM-Karten vergeben, ließ er sich die Option auf ein, zwei überraschende Berufungen offen. Ein Joker könnte also durchaus in seiner Hinterhand stecken. Und ein zweites Mal würde sich ein angefragter Joker Scholl gewiss nicht entziehen.

Wolfram Eilenbergers Elfenbeintürme sind unter dem Titel „Lob des Tores“ als Taschenbuch im BvT-Verlag erschienen.

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