Sport : Eine patriotische Angelegenheit

Erstmals findet in Kroatien ein Ski-Weltcuprennen statt – der Andrang in Zagreb könnte kaum größer sein

Markus Huber[Wien]

50 000 Menschen vor einer 40 Quadratmeter großen Videowand auf dem Jelacic-Platz mitten im Zentrum von Zagreb; 18 000 Menschen entlang der Piste am Zagreber Hausberg Medvednica, die allesamt mindestens 200 Kuna, umgerechnet rund 14 Euro Eintritt bezahlt haben, mehr lässt die Polizei aus Sicherheitsgründen nicht auf den Berg; eine eigene Verkehrsverordnung, die in Kraft gesetzt und ganze Straßenzüge in der kroatischen Hauptstadt für zwei Tage zum Sperrgebiet machen wird.

Wenn am Donnerstag der internationale Skizirkus für einen Nachtslalom in Zagreb einen kurzen Zwischenstopp einlegt, dann wird die Stadt mit einer Million Einwohnern in den Ausnahmezustand versetzt. Denn ein Weltcuprennen in Kroatien, das gab es noch nie. Und die Kroaten, so ist den diversen kroatischen Tageszeitungen zu entnehmen, wissen diese Ehre auch gebührend zu würdigen – mit einem Massenauflauf, den bei Damen-Skirennen in dieser Saison nur die beiden Läufe auf dem Semmering, dem Hausberg der Wiener, erreicht hatten, und der sich auch mit dem Besucheransturm bei den Herren-Klassikern in Kitzbühel, Wengen und Schladming messen kann.

Für den internationalen Skiverband Fis scheint, zumindest in Zagreb, das Konzept aufzugehen, mit den Rennen möglichst in die Nähe von Hauptstädten zu gehen. Und spätestens seit den Erfolgen von Janica und Ivica Kostelic ist Kroatien für den alpinen Skirennsport ein gutes Pflaster. Bei Empfängen zu Ehren des Geschwisterpaares hatten sich in der Vergangenheit jeweils weit über 100 000 Besucher eingefunden, und für ein Land, das definitiv mehr Badeorte hat als Pistenkilometer, ist das schon sehr bemerkenswert.

Auch die Organisatoren selbst haben sich seit dem Herbst 2003, als die Fis das Rennen an den Hausberg der Familie Kostelic vergeben hatte, redlich bemüht. Insgesamt 14 Millionen Euro wurden ausgegeben, um den Hügel – der Start für den Slalom liegt gerade einmal auf 983 Metern Seehöhe – weltcuptauglich zu machen. Und auch die Läuferinnen selbst werden vom Ski-Boom in Kroatien profitieren: Insgesamt 150 000 Euro wurden von den Veranstaltern als Preisgeld ausgelobt, allein die Siegerin wird 50 000 Euro einstecken dürfen – mehr als doppelt so viel wie bei den anderen Weltcup-Slaloms in diesem Winter.

Dass sich die Lokalheroin Janica Kostelic den Siegerscheck wird mitnehmen dürfen, ist aber eher unwahrscheinlich. Die ehemalige Gesamt-Weltcup-Gewinnerin und dreifache Olympiasiegerin ist immer noch von ihrer schweren Bänderverletzung gezeichnet, die sie sich 2003 zugezogen hat. Zwar fährt sie seit einigen Monaten wieder Weltcuprennen, eine Siegläuferin ist die 22-Jährige aber noch nicht wieder.

Der nationalen Hochstimmung wird das am Donnerstagabend aber wohl kaum schaden. Schon bisher fielen die kroatischen Schlachtenbummler bei Weltcup-Rennen mit ihren blau-rot-weißen Fahnen nicht gerade durch Zurückhaltung auf. Dass das beim Heimrennen anders sein wird, ist kaum zu erwarten. In den kroatischen Boulevard-Blättern wurde das Rennen in den vergangenen Tagen bereits zu einem patriotischen Staatsakt hochstilisiert, wie es sonst nur Fußball-Spiele werden. Die Zagreber Polizei hat jedenfalls für Donnerstag die Sicherheitsstufe erhöht und wird mit mehreren Hundertschaften das Skigelände überwachen – sonst im alpinen Skisport auch absolut unüblich.

Die vielleicht beste Sicherheitsvorkehrung haben die Kroaten in diesem Jahr aber noch nicht gewählt – und die wird am Wochenende in Kitzbühel erstmals umgesetzt: Dort dürfen die Getränkehändler an den Renntagen keine Getränke ausschenken, die mehr als sechs Prozent Alkohol enthalten.

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