Sport : Eine Prinzessin und die Schwerkraft

Stabhochspringerin Isinbajewa scheitert und wirkt nun um so menschlicher

Friedhard Teuffel

Um herauszufinden, warum sie so überraschend gescheitert war am Montagabend, muss Jelena Isinbajewa eigentlich nur ein Zwiegespräch mit sich selbst führen, einen inneren Dialog. Denn wann immer die Russin in den vergangenen Jahren angelaufen ist, um sich mit dem Stab hinauf in die Höhe zu schwingen, ist ihre einzige Gegnerin sie selbst gewesen. Bei allen Meisterschaften hat sie sich selbst besiegt, 25 Mal hat sie sogar die bislang beste Jelena Isinbajewa übertroffen und ihren eigenen Weltrekord verbessert. Doch am Montagabend im Olympiastadion hat sie dieses Duell mit sich selbst verloren.

Alle Meisterschaften, ob in der Halle oder im Freien, ob die ihres Kontinents oder die weltweiten, hat Isinbajewa von 2005 an gewonnen, außerdem zweimal ihren Wettbewerb bei den Olympischen Spielen. In diesem Jahr will sie neue Motivation bekommen haben durch einen Millionenvertrag mit dem chinesischen Sportartikelhersteller Li Ning. „Sie behandeln mich wie eine Prinzessin“, hat Isinbajewa über die Chinesen gesagt, eine Prinzessin der Lüfte.

Doch am Montag kam es zu einer unangenehmen Begegnung mit der Schwerkraft. Dreimal war sie angelaufen, dreimal hatte sie die Latte mit hinuntergenommen auf die Matte, einmal bei 4,75 Meter und zwei Mal bei 4,80 Meter. Gelacht hatte sie noch beim ersten Fehlversuch, als ob der Wettbewerb jetzt noch mehr Spaß machen könnte durch einen kleinen zusätzlichen Kitzel. Doch beim dritten Anlauf rannte sie ernst die Bahn hinunter, und als sie auf der Matte gelandet war, schossen ihr Tränen in die Augen.

Letzte. Ohne gültigen Versuch. „Irgendwann musste es passieren, ich hoffe, ich werde mich davon erholen“, sagte sie direkt danach.

Als ihre Niederlage feststand, machte sich ihr großes Vorbild Sergej Bubka auf in Richtung Katakomben, wo Isinbajewa erwartet wurde. „Das kann passieren, sie ist doch auch nur ein Mensch“, sagte der Olympiasieger und Weltrekordhalter aus der Ukraine. Er wird ihr vielleicht noch eine Geschichte erzählt haben. Von einem scheinbar unbesiegbaren Stabhochspringer, der bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona bei 5,70 Meter in den Wettbewerb einstieg, weil alles Niedrigere ihm wie Training vorgekommen wäre und der dann dreimal die Latte riss. Es ist seine eigene Geschichte.

Bubka wurde danach immerhin noch dreimal Weltmeister, Barcelona ist nur ein Dorf in seiner globalen Karriere. Daniel Wessfeldt sagt nun: „Eine Niederlage kann auch mal nett sein.“ Der Schwede ist Isinbajewas Manager, er hat den Millionenvertrag mit ihrem neuen chinesischen Ausrüster eingefädelt. „Wenn man immer nur gewinnt, ist das auch nicht gut.“ Isinbajewa hatte das vor einiger Zeit selbst einmal umschrieben. „Es ist wie Schokolade, die du magst. Aber es gibt immer nur Schokolade, Schokolade, Schokolade. Irgendwann hasst du es.“

Sie sei in guter körperlicher Verfassung gewesen, sagt Wessfeldt. „Nur dass sie vor einigen Wochen eine Entzündung im Knie hatte und deshalb nicht richtig trainieren konnte.“ Aber um 4,70 Meter zu reißen, müssen für Isinbajewa eigentlich noch ganz andere Dinge passieren. „Sie ist nicht so schnell angelaufen, das war ihr Fehler, sie muss aggressiver anlaufen“, sagt Wessfeldt. Diese Niederlage habe jedenfalls keine großen finanziellen Folgen, was sind auch 30 000 Dollar Siegprämie gegen die Werbesummen, die Isinbajewa inzwischen verdient? „Die Niederlage war sicher für etwas gut, und mit einem Tag Abstand nimmt sie es auch nicht mehr so ernst“, sagt Wessfeldt nach einem Gespräch mit ihr. „Sie hat ja schon so viele Titel gewonnen.“

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