Sport : Eine Reise in die dunkle Vergangenheit

Gretel Bergmann durfte 1936 nicht bei Olympia starten, weil sie Jüdin war. Kurz darauf verließ sie Deutschland – und kehrte erst nach 62 Jahren zurück

Jürgen Roos

New York. Diese Ansage ist cool, selbst für New Yorker Verhältnisse. „Wenn ein graues, rostiges, altes Auto mit einer grauen, rostigen, alten Lady vorfährt“, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung, „das bin ich.“ Kann sich eine 89-jährige Frau witziger vorstellen? Eigentlich nicht. Weshalb sich die Wartezeit an der Subway-Station in der 179. Straße des New Yorker Stadtteils Queens erträglich gestaltet. Die ersten Berührungsängste hat sie genommen, Margaret Lambert, eine der weltbesten Hochspringerinnen vergangener Tage. Und auch ein bisschen die Angst, zu einer älteren Dame ins Auto zu steigen.

Die Gedanken waren natürlich da: Wie würde der Empfang aussehen? Ein Reporter aus Deutschland. Jenem Land, in dem nicht nur die sportlichen Träume der Jüdin Margaret Lambert, die hier unter ihrem Mädchennamen Gretel Bergmann bekannt war, innerhalb weniger Monate zunichte gemacht worden waren. Fast ein halbes Jahrhundert hatte sie in New York in einem tief empfundenen Hass auf dieses Land gelebt. Obwohl es ihr Heimatland war. Mit Deutschland und den Deutschen wollte sie nie wieder etwas zu tun haben. Erst als der inzwischen verstorbene Burkhard Volkholz aus Laupheim vor knapp 20 Jahren Briefkontakt mit ihr aufnahm, da wurde Margaret Lambert milder. Sie erkannte, wie die jüngere Generation in ihrem kleinen Heimatstädtchen nahe Ulm begann, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Vor vier Jahren nahm sie die Einladung zu einer Preisverleihung nach Deutschland an. Und heute lädt sie einen Deutschen in ihr Haus ein. Wie schwer ihr das wohl fallen mag? Und ihrem Mann Bruno, dessen Eltern und 30 Verwandte in einem deutschen Vernichtungslager ermordet worden sind? Die Lamberts haben etwas zu essen vorbereitet. Schwarzes Brot, Leberwurst, Gurken. Ein abtastendes Gespräch. Auf Englisch. „Ich verstehe noch Deutsch", sagt Margaret Lambert, „aber ich spreche es nicht mehr.“ Zu viele Erinnerungen, die an dieser Sprache hängen. Aber Margaret Lambert will ihre Geschichte erzählen. Damit die Geschichte nicht vergessen wird. Sie handelt davon, wie die Nazi-Diktatur eine junge, jüdische Sportlerin in ihren Würgegriff nimmt, ihr die schlimmsten Jahre ihres Lebens bereitet und sie ausspuckt als eine fast gebrochene Persönlichkeit.

Der Albtraum begann 1933, kurz nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar. Um sich bei den Nazis anzubiedern, hatte die Deutsche Turnerschaft den Ausschluss aller jüdischen Mitglieder beschlossen. Der Bann traf auch Gretel Bergmann, die für den Ulmer Fußballverein startete. 19-jährig stand die Sportlerin vor dem Nichts – keine Wettkämpfe, keine Sportlehrerausbildung an der Berliner Hochschule für Leibesübungen. Dem Schock folgte der Umzug nach London, der britische Meistertitel und die Hoffnung, für Großbritannien an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin teilnehmen zu können. Der Tag des Titelgewinns, ein Trauma. Ihr Vater war nach London gekommen, um ihr zu sagen, dass die Nazis ihre Rückkehr nach Deutschland wünschten, wo sie einen Platz im Olympiateam bekomme. „Ich musste zurück“, sagt sie, „sie haben meine Familie bedroht.“ Aber gab es wirklich eine Chance, in Berlin zu starten? Die junge Frau hatte von Anfang an ein schlechtes Gefühl.

Nach ihrer Rückkehr 1934 war Gretel Bergmann zwar Mitglied im deutschen Olympiateam. Aber sie gehörte nicht richtig dazu. Weil sie Jüdin war. „Ich hatte nicht einmal ein Stadion zum trainieren“, sagt sie. Was sie damals nicht wusste: Die USA und andere Länder hatten wegen der Ausgrenzung jüdischer Sportler in Deutschland einen Olympiaboykott erwogen, den die Nazis mit allen Mitteln verhindern wollten. Und sie, die jüdische Hochspringerin, war die wichtigste Schachfigur in diesem Plan, der von der Sportführung ausgeheckt worden war. Die Botschaft an den Weltsport: Wer eine Jüdin in seine Olympiamannschaft beruft, kann nicht judenfeindlich sein. Irgendwie gelang es, den amerikanischen NOK-Präsidenten Avery Brundage auf einer Inspektionsreise über die Zustände in Deutschland hinwegzutäuschen – und die Amerikaner sagten schließlich zu.

1999 flog Margaret Lambert nach Deutschland, nach 62 Jahren. Gemischte Gefühle, auch heute noch. Die Deutsche Olympische Gesellschaft wollte ihr den Georg-von-Opel-Preis in der Kategorie „Unvergessene Meister“ verleihen.

Ein Brief, gezeichnet mit „Heil Hitler“

Schließlich flog sie mit ihrem Sohn Glenn. Nicht mit ihrem Mann, der die Kraft für eine Reise in die dunkle Vergangenheit nicht aufbrachte. Sie landete in einem Land, das sie nicht mehr erkannte. „Ich sah, dass viele Deutsche versuchten, die jüdische Kultur zu verstehen“, sagt sie. Sogar nach Laupheim fuhr sie für ein paar Tage. Was in ihrem Innern vorging? Angst? Rachegefühle? „Sie können mir glauben“, sagt die Dame mit blitzenden Augen, „wenn ich einen von den alten Nazis getroffen hätte, ich hätte ihm mitten ins Gesicht geschlagen.“ Gretel Bergmann war fast zwei Jahre lang von fast allen Wettkämpfen ausgeschlossen, andererseits wurde sie in unregelmäßigen Abständen zu Lehrgängen des Olympiakaders eingeladen – in Briefen, die mit „Heil Hitler!“ unterschrieben waren. Schließlich traf ein zweiseitiges Formular mit dem Titel „Meine Verpflichtung“ ein, das alle Olympiakandidaten zu unterschreiben hatten. Meinten es die Nazis doch ernst? Gretel Bergmann hatte die Hoffnung auf ihr größtes sportliches Ziel noch nicht aufgegeben und verpflichtete sich. Aber ihre Gewissensnöte wurden immer größer.

Margaret Lambert ist sich heute noch sicher, dass sie in Berlin eine Medaille geholt hätte. „Ich denke oft daran, wie ich mich auf dem Treppchen verhalten hätte“, sagt sie. Hätte sie den rechten Arm in die Höhe halten sollen? Oder hätte sie den Triumph ohne Hitlergruß genießen sollen?

Ende Juni 1936 gewann Gretel Bergmann die württembergische Meisterschaft in der Stuttgarter Adolf-Hitler-Kampfbahn mit der Höhe von 1,60 Metern, was die Einstellung des deutschen Rekords bedeutete. Zwei Wochen später kam ein Brief, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass sie „nicht beständig genug“ gewesen und „aufgrund ungenügender Leistungen“ nicht in die Olympiamannschaft aufgenommen worden sei. Das amerikanische Olympiateam hatte die Vereinigten Staaten bereits per Schiff verlassen. Eine Umkehr war unwahrscheinlich. Gold ging an die Ungarin Ibolya Csak – die neue Olympiasiegern sprang 1,60 Meter hoch, und sie war Jüdin.

Margarete Lambert kann sich an die Nazi-Spiele in Berlin nicht erinnern. Sie will es auch nicht. „Für diese Tage leide ich wohl an Gedächtnisschwund“, sagt sie und lächelt bitter. Fast zwei Stunden hat sie nun erzählt. Eine traurige Geschichte. Bei der es nicht nur darum geht, dass sie um eine Olympiamedaille betrogen worden ist. Es ging auch um ihre Ängste, ihre Gefühle nach der Emigration 1937. Ein Wunder eigentlich, dass die Nazis sie ausreisen ließen. Mit vier Dollar in der Tasche erreichte sie New York und nahm jeden Gelegenheitsjob an, um ihren Mann Bruno so schnell wie möglich aus diesem Land zu holen. Auch, um sein Leben zu retten. „Ich habe alles Deutsche gehasst“, sagt sie, „und ich habe geschworen, nie wieder dorthin zu gehen.“ Dann kamen die Briefe aus Laupheim. „Nicht einmal dort wussten die Leute, was passiert war, denn über jüdische Sportler durfte ja nichts berichtet werden“, sagt sie.

Margaret Lambert ist 89 Jahre alt, sie lebt mit ihrem Mann zusammen in Queens, hat zwei Söhne. Sie ist unglaublich gut in Form. Deshalb kann sie die Anstrengungen aushalten, die sie sich in diesem Sommer aufgeladen hat. Ihre Erinnerungen wurden veröffentlicht, ein amerikanischer Sender dreht einen Dokumentarfilm, dafür ist sie in dieser Woche noch einmal nach Deutschland geflogen. Aufnahmen im Gretel-Bergmann-Stadion von Laupheim wurden gemacht. Manchmal kann Margaret Lambert nicht fassen, dass das Interesse so groß ist. „Unglaublich“, sagt sie dann, „ich war ein Teil der Sportgeschichte.“ Zum Abschied bleibt Margaret Lambert noch eine ganze Weile in der Tür ihres schmucken Hauses in Queens stehen. Sie winkt. Der graue, rostige, alte Toyota steht in der Hofeinfahrt. Und dort bleibt er auch stehen. Zur Subway-Station ist es nämlich zu Fuß gar nicht so weit.

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