Sport : Eine rote Ampel als Startsignal

Robert Kubica führt BMW zum ersten Sieg und denkt nun sogar an den Titel

Karin Sturm

Montreal - Für den Bruchteil einer Sekunde blickte Robert Kubica so, als könne er diese Geschichte selbst nicht glauben. Der Pole fuhr beim Großen Preis von Kanada nicht nur den ersten Sieg für BMW-Sauber in der Formel 1 heraus – er tat es just an jenem Schauplatz, an dem er vor einem Jahr beinahe sein Leben verloren hätte. Zwölf Monate, nachdem er nur mit viel Glück ohne größere Blessuren aus seinem Wagen geklettert war, der zuvor mit Tempo 280 an der Mauer zerfetzt war, stieg der 23-Jährige Krakauer in Montreal nach einem verrückten Rennen zum ersten Mal auf die höchste Stufe des Siegerpodests. Die hatte Lewis Hamilton für ihn freigeräumt: Der McLaren-Pilot war dem an der roten Boxenampel wartenden Kimi Räikkönen in den Ferrari gerauscht. Das Unfallopfer sprach von einem „Idiotenfehler“, der Verursacher entschuldigte sich kleinlaut: „Ich kann nur sagen: Sorry, Kimi.“

„Ich sollte ihm dankbar sein, dass er sich Kimi ausgesucht hat und nicht mich“, sagte Kubica, der zum Unfallzeitpunkt direkt neben Räikkönen stand. So übernahm er nach dem Crash der beiden Titelrivalen auch gleich noch die WM-Führung. Nick Heidfeld komplettierte als Zweiter den BMW-Doppelerfolg. Für den Mönchengladbacher war es nach Wochen der Krise ein schönes Erfolgserlebnis. „Aber natürlich hätte ich gern den ersten Sieg für BMW geholt“, gestand er.

Dies jedoch war dem Mann der Stunde vorbehalten. Robert Kubica ist der Aufsteiger des Jahres – nach einer eher durchwachsenen Saison 2007 klappt im Moment einfach alles bei ihm. Doch auch im Augenblick seines größten Erfolges blieb der extrem ehrgeizige Kämpfer, der sich als Teenager allein und weit weg von der Familie bei Kartrennen in Italien stählte, sich selbst treu. Während Teamchef Mario Theissen nach dem von ihm so sehnlich erwarteten Triumph Freudentränen in den Augen hatte und der Jubel der gesamten BMW-Truppe durch das Fahrerlager hallte, gab sich der Pole selbst bei der Siegerehrung eher cool. Zwei Stunden nach der Zieldurchfahrt saß er bei BMW zusammen mit seinem Manager und ein paar Freunden in trauter Runde, als wäre nichts Besonderes passiert – während rund um ihn noch die Party tobte.

In einem allerdings sind sich BMW und Kubica sehr ähnlich: im Streben nach Perfektion und dazu im Gegensatz zu den anderen WM-Kandidaten keine Fehler zu machen und alle gegebenen Chancen zu nutzen. Hamilton, Räikkönen und Felipe Massa, seine WM-Konkurrenten, leisteten sich in dieser Saison jeder bereits mindestens zwei dicke Fehler, durch die sie Rennen wegwarfen, dazu kommen gerade bei Ferrari Pannen wie die Motorschäden von Australien oder in Kanada die defekte Tankanlage bei Massa.

Kubica und BMW-Sauber haben noch nicht das schnellste Auto, das gibt man auch zu. „Es war sicher nicht schlecht für uns, dass nach dem ersten Stopp einige zur Seite gefahren sind, die wir vorne erwartet haben“, sagte Theissen in Montreal leicht schmunzelnd über die Kollision zwischen Hamilton und Räikkönen. „Aber so ist es nun mal. Es geht nicht nur darum, dass schnellste Auto zu haben, man muss auch das Potenzial des Autos und des Teams umsetzen.“

Wer das so perfekt macht wie die Weiß-Blauen in diesem Jahr, darf dann allmählich doch auch einmal anfangen, in Richtung des bisher Undenkbaren zu denken. Robert Kubica tut es offensichtlich. „Ich hoffe, das Team gibt mir 100 Prozent Unterstützung“, sagt er, „damit ich diese Führung verteidigen kann. Vielleicht sogar bis zum letzten Rennen.“ Karin Sturm

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