Sport : Eine Sache des Herzens

Auch Tom Persich und Ronny Nikol akzeptieren die Gehaltskürzungen beim 1. FC Union

Karsten Doneck

Berlin. Er hat lange überlegt. Als er aufgefordert wurde, sich zu entscheiden, erbat er eine Verlängerung der Bedenkzeit. Er sondierte andere Angebote, holte sich Rat – bei den Eltern, bei Freunden. Dann erst setzte sich Tom Persich gestern Vormittag ins Auto, fuhr die A 9 von seiner Heimatstadt Halle nach Berlin-Köpenick und tauchte kurz vor halb zwei in der Geschäftsstelle in der Hämmerlingstraße auf. Vom Präsidium war niemand da: Heiner Bertram, erster Mann des 1. FC Union, ist im Weihnachtsurlaub, sein Stellvertreter Bernd Hofmann kuriert daheim eine Bindehautentzündung aus. Also drückte Abwehrspieler Persich das mitgebrachte Schriftstück Unions Chefsekretärin Grit Lehmann in die Hand. Indem er die Zusatzvereinbarung zu seinem Arbeitsvertrag unterschrieben zurückgab, verzichtet Persich bis Saisonende auf 20 Prozent seines Gehalts. 15 Prozent soll er später nachgezahlt bekommen.

Persich ist der 17. Profi, der die Gehaltskürzungen bei Union akzeptiert hat. Seinem Beispiel folgte am Nachmittag Ronny Nikol. Der verkündete telefonisch seine Bereitschaft, Unions Offerte anzunehmen. Jedenfalls die eine. Hinsichtlich der ihm zugleich angebotenen Vertragsverlängerung über das Saisonende hinaus will Nikol erst Anfang nächsten Jahres entscheiden. Mit Persich, Nikol und Zugang Holger Wehlage (Werder Bremen) stehen Trainer Mirko Votava nunmehr 19 Profis zur Rückrunde zur Verfügung.

Es könnten noch mehr werden. Stürmer Sreto Ristic meldete sich gestern telefonisch aus seinem Urlaub in Portugal. Ohne ja oder nein zu sagen. „Es gibt weiteren Gesprächsbedarf“, sagte Lars Töffling, Unions Pressesprecher. Auch bei Sixten Veit und Youssef El Akchaoui, die bisher ebenfalls den Gehaltskürzungen nicht zugestimmt haben, tappt Union im Dunkeln. „Vielleicht wollen sie die Sache ja aussitzen“, vermutet Töffling.

Tom Persich hat die Phase des Zauderns und Zögerns hinter sich. Seine Entscheidung traf er jedoch nicht nur aus Vernunftgründen. Sie war mehr noch eine Sache des Herzens. „Ich bin jetzt achteinhalb, fast neun Jahre im Verein. Diese Zeit kann man nicht einfach so wegschmeißen“, sagt Persich. Werte wie Vereinstreue zählen im Profifußball indes wenig, wenn Trainer Wochenende für Wochenende die ihrer Meinung nach erfolgversprechendste Elf zusammenstellen. Persich musste da zuletzt ein hohes Maß an Leidensfähigkeit aufbringen. Unter Votava geriet der Abwehrspieler unversehens auf die Ersatzbank. „Man mag mir das glauben oder nicht, aber irgendwie habe ich unter dem neuen Trainer wieder mehr Feuer, mehr Biss bekommen. Diese Werte waren bei mir unter Trainer Georgi Wassilew etwas eingeschlafen“, sagt Persich.

Tom Persich ist 31 Jahre alt. Sein Vertrag läuft am Saisonende aus. Es gab im Oktober mal Signale vom Verein, mit ihm in neue Vertragsgespräche einzusteigen. In der Winterpause sollten die Verhandlungen konkreter werden. „Das ist wohl jetzt auf Eis gelegt“, sagt Persich mit bedauerndem Unterton. Seine sportliche Zukunft ist ungewiss. In seinem Alter werden die Angebote anderer Klubs rarer. Aber Persich ist ein Kämpfer. Auch als Reservist bei Union. „So will ich nicht abtreten“, sagt er. Auch deshalb hat er unterschrieben – trotz Lohneinbuße .

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