Sport : Eine Sache des Vertrauens

Wer für ein Leichtathletik-Meeting Athleten verpflichtet, liefert sich dem Wort der Stars aus – der Fall Montgomery zeigt es

Frank Bachner

Berlin. Askan Brehm stützt den Kopf auf seinen angewinkelten Arm. Er muss „jetzt nämlich echt nachdenken“. Hat er nun Charlie Wells die Hand gegeben, hat er eingeschlagen, um den Deal mit Tim Montgomery abzusegnen? Aber Brehm fällt es nicht mehr ein. Er hat über 200 Athleten fürs Istaf verpflichtet, da weiß er nun wirklich nicht mehr alles. Aber telefoniert hat er mit Wells, natürlich. Wells war da noch in Texas, und am Telefon sagte er: „Ja, Tim Montgomery startet in Berlin.“ Montgomery ist der Weltrekordler über 100 m, Wells ist sein Manager. Dann bestätigten sie sich gegenseitig per E-Mail die ausgehandelte Gage, und damit war für Brehm die Sache erledigt. Das Istaf hatte ein Zugpferd.

Ist das nun ein verbindlicher Vertrag? Florian Schwarthoff, der Istaf-Sportchef, weiß das auch nicht so genau. Er jedenfalls setzt aufs Prinzip Vertrauen. „Es ist ein Gentleman’s Agreement, dass man seine Zusage einhält“, sagt Schwarthoff. Aber manchmal wird das Vertrauen enttäuscht, und dann hat ein Sportchef ein Problem. Wie im Fall Montgomery. Schwarthoff verkündete Tage vor dem Istaf offiziell, im großen Kreis und überaus stolz, Montgomery werde starten. Er sagte in diesem Kreis nicht, dass die Zusage offenbar so unsicher war, dass er auf das Wort des Weltrekordlers vertrauen musste. Einer Journalistin gegenüber, die unter vier Augen nachfragte, deutete er immerhin an, dass der Start keineswegs sicher sei. Montgomery kam nicht, weil er in Stockholm und London schlecht gelaufen war, und Journalisten konnten nach dem London-Auftritt am Freitag nur ahnen, dass der Weltrekordler beim Istaf fehlen würde.

Schwer zu sagen, ob Schwarthoff nun bewusst die Fragezeichen hinter Montgomerys Start verschwieg, oder ob er wirklich lange auf seine Zusage setzte. Schwarthoff sagt: „Ich habe ihm fest vertraut.“ Und wenn man dem Istaf-Sportchef zuhört, klingt es, als wären Athletenverpflichtungen ein Tanz auf dem Seil. Nichts ist wirklich sicher, sagt Schwarthoff. Im Fall Montgomery besitzt Schwarthoff nicht mal mehr die E-Mail, in der die Gage bestätigt wird. Unbekannte brachen Freitagnacht in die Istaf-Geschäftsstelle ein und stahlen vier Laptops. Auf einem waren die bestätigten Deals mit den Athleten gespeichert.

Es gibt klassische schriftliche Verträge, sagt Schwarthoff. „Die unterschreiben Manager oder Athleten, wenn sie im Hotel angekommen sind.“ Früher nicht. Alles andere laufe übers Telefon. „Normalerweise hält sich jeder an Abmachungen“, sagt Schwarthoff. „Der Fall Montgomery ist extrem selten.“ Aber auch die US-Hürdensprinterein Gail Devers hat abgesagt. Am Freitagabend schon, die Istaf-Verantwortlichen haben es am Sonnabend, bei ihrer Pressekonferenz, verschwiegen. „Da ist uns ein Fehler unterlaufen“, sagt Schwarthoff.

Wenn es freilich wirklich so läuft, wie Schwarthoff es darstellt, müssen sich die Verhältnisse enorm geändert haben. Denn bis vor zwei Jahren gab es durchaus im Vorfeld des Istaf schrifliche Kontrakte, unterzeichnet vom jeweiligen Manager oder vom Athleten. Rund 60 Prozent aller Athleten, die beim Istaf antraten, hatten lange vor dem Start unterschrieben. Gerade bei Top-Stars wird ja um weit mehr als bloß um die Gage verhandelt. Da geht’s um Pressekonferenzen oder PR-Auftritte. Das muss alles fixiert werden. Sonst könnte es anschließend Streit geben.

Durchaus üblich sind aber Pokerpartien um eine Zusatzgage. Der Manager eines Athleten, der gerade Weltrekord gelaufen ist, versucht natürlich, mehr Geld herauszuschlagen – notfalls bis kurz vor dem Start. Bleibt ein Meeting-Direktor hart, kann es sein, dass der Star plötzlich krank wird. Und dann läuft nichts mehr. „Ich kann ja keinen zum Start zwingen“, sagt Schwarthoff.

Vor allem hat er dann Erklärungsnot. Denn die Namen von Stars sind ja dann bereits Teil der Werbung fürs Meeting. Wie unsicher die Zusagen aber sind, sagen die Meetingchefs natürlich nicht. Rudi Thiel, der frühere Istaf-Sportchef, erreichte in der Kunst, fürs Meeting mit zweifelhaften Nachrichten zu trommeln, unerreichte Perfektion. Zur Höchstform lief er allerdings als Sportchef des früheren Springer-Meetings in Berlin auf. Thiel verkündete, der südafrikanische Weltklasse-Stabhochspringer Okkert Brits werde in Berlin starten und trainiere sogar gerade in der Schöneberger Halle. In Wirklichkeit war Brits in diesem Moment tausende Kilometer entfernt – in Südafrika.

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