Sport : Eine Saison des Herzens

Die Rückkehr der Eishockeystars zu ihren Heimatklubs zeigt die neuen Kräfteverhältnisse im Sport

Wolfram Eilenberger

Am 14. Januar 2005 wird es offiziell. Oliver Kahn bestreitet die Rückrunde für den Karlsruher SC, Michael Ballack kehrt zum FC Chemnitz zurück, und Christian Ziege kämpft als Kapitän wieder für Hertha Zehlendorf. Vertraglich zugesicherte Gegenleistung: jeweils ein Kasten Bier beziehungsweise Fanta. Was im Fußball groteske Fiktion bleibt, wird im Eishockey gerade Wirklichkeit. Ob Schweden, Finnen, Tschechen oder Slowaken, Dutzende europäischer Superstars kehren dieser Tage aus Amerika zu ihren Ursprungsvereinen zurück. Ohne nennenswerte Bezahlung spielen sie dort eine Saison des Herzens.

Die Mechanismen des Profisports, so scheint es, sind in diesem Winter wundersam außer Kraft gesetzt. Doch liegt der Grund für dieses Märchen im Profitstreben selbst. Weil sich Klubbesitzer und Spielergewerkschaft in Sachen Geldverteilung nicht einig werden, liegt der Spielbetrieb in der nordamerikanischen Profiliga NHL seit Monaten lahm. Während die Anwälte verbissen um Milliarden feilschen, gönnen sich viele der gewerkschaftlich organisierten Cracks die Freiheit, ihre Spielkunst an den Heimatverein zu verschenken.

Eine heilsame Rückkehr zu den Wurzeln des Spiels, zur reinen Spielfreude des Amateurs und seiner unbedingten Vereinsidentifikation, so könnte eine verklärende Deutung aussehen. Ein linker Theoriefan mag in der andauernden Selbstblockade der NHL gar ein erstes Indiz dafür erkennen, dass der globale Kapitalismus irgendwann doch noch an sich zu Grunde gehen wird. Die Moral des Streiks dürfte jedoch eine andere sein. Der hartnäckige Arbeitskampf ist deutlichstes Zeichen für die zunehmende Steuerungsmacht der Spitzenspieler und die sich im Gegenzug beständig verringernden Kontroll- und Einflussmöglichkeiten ihrer Arbeitgeber. Im klassischen Kampf zwischen Kapital und Arbeit, Unternehmen und Angestellten, hat sich die Interessenlage im Profisport geradezu ins Gegenteil verkehrt.

Nicht etwa die Vereinsbesitzer der NHL, sondern die Spielergewerkschaft besteht auf dem freien Walten des Marktes und lehnt jede Form einer künstlichen Gehaltsgrenze ab. Schließlich liegt es nicht in der Verantwortung der Superstars, wenn sich geltungssüchtige Spekulanten mit Megaofferten gegenseitig in den Ruin treiben. Sollen sie ruhig. Klubs gibt es genug. Und wo ausgesperrte Arbeiter in gewöhnlichen Tarifkämpfen spätestens nach Monaten an den Existenzrand getrieben werden und so zum Einlenken neigen, könnten die NHL-Superstars auch Jahre ausharren. Als Multimillionär streikt es sich einfach standhafter.

Die Rede von Ich-AGs oder Humankapital bedeutet eine geschmacklose Verdinglichung des arbeitenden Menschen, aber nirgendwo ist sie treffender als im Profisport. Wird sich dieses Humankapital seines Wertes bewusst und organisiert sich dementsprechend straff und solidarisch, geht im Sport tatsächlich alle Marktmacht von den Spielern aus. Wenn Peter Forsberg und seine Kollegen derzeit zum Selbstkostenpreis durch ihre Heimatprovinzen tingeln, dann haben sie dabei nicht nur jede Menge Spaß, sie tanzen dem System selbst auf der Nase herum. Die Superstars des Business wissen sich in ihrem Tun und Lassen freier, als ein gesunder Markt es ertragen kann.

Ob solche Situationen auch in Deutschland denkbar wären? Die Blockade in der NHL lässt sich nicht auf europäische Ligaverhältnisse übertragen, was allerdings nicht an entspannteren Verteilungsverhältnissen liegt, sondern an den vergleichsweise amateurhaften Organisationsstrukturen unserer Ligen. Besonders der Einfluss deutscher Spielergewerkschaften ist geradezu lächerlich. Die Luxuslohnarbeiter des Profifußballs haben noch gar nicht begriffen, wie groß ihre Macht sein könnte. Echte Eishockeystars sind hier einen Schritt weiter. Und wenn mit dem 14. Januar die Verhandlungen in der NHL endgültig scheitern sollten, werden nicht nur weitere Europäer heimkehren, sondern Hunderte amerikanischer Ausnahmespieler ebenfalls zum Nulltarif auf den Markt drängen.

Im Moment durchleben hiesige Manager und Trainer ein höllisches Paradies. Wie sollen sie den angeworbenen Superstar aus Übersee motivieren? Geld versagt als Anreiz, lokale Bindungen liegen nicht vor, und gewiss ist nur, dass der eilig engagierte Wundertäter schon sehr bald wieder woanders spielen wird. Obwohl – wenn man es so beschreibt, handelt es sich um ein Risiko, wie es im Profisport gewöhnlicher nicht sein könnte.

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