Sport : Eine Saison unter Freunden

Nicht alle lassen Juventus Turin in der Not im Stich

Vincenzo delle Donne[Turin]

Lapo Elkann krempelt sein Jeanshemd hoch und zeigt die neueste Tätowierung. Sein linker Arm zittert. Lapo zeigt das eintätowierte Emblem von Juventus Turin auf seinem linken Unterarm. „Es ist ganz neu“, sagt er. Der frühere Werbechef von Fiat, der mit seinen Eskapaden gern die Boulevardpresse belieferte, wirkt ein bisschen nervös. Der öffentliche Auftritt im Stadio Comunale von Villar Perosa ist Elkanns erster seit seiner Drogentherapie, die nach seinem Kollaps in der Wohnung eines Turiner Transvestiten nötig geworden war. Es gab zuletzt Gerüchte, die Familie Agnelli wolle sich Juventus Turins entledigen. Lapo Elkann stammelt etwas vom Samuraidenken. Sein Bruder John kommt ihm zur Hilfe. „In den schwierigen Zeiten zeigt sich der Charakter eines Klubs“, sagt verschüchtert der Lieblingsenkel des verstorbenen Patriarchen. Gianni Agnelli hatte ihn zu seinem Nachfolger auserkoren, jetzt ist er die Stimme der mächtigen Agnelli-Familie. Seit dem Tod des Großvaters ist John Fiat-Vizepräsident und an Krisen aller Art gewöhnt. Schnell fügt John Elkann hinzu: „Dass mein Bruder und ich hier sind, ist ein Zeichen der Verbundenheit mit diesen Vereinsfarben.“ Eine indirekte Antwort auf Aussagen des neuen Trainers Didier Deschamps, der befürchtet, dass die Agnelli-Familie den italienischen Rekordmeister sich selbst überlassen könne.

John und Lapo Elkann waren an diesem trüben Spätnachmittag bemüht, Zeichen zu setzen. Sie flogen mit dem Hubschrauber in die kleine Gemeinde im Val Chisone ein, die die Wiege der Agnelli-Dynastie ist. Einst tat dies traditionsgemäß ihr charismatischer Großvater Gianni Agnelli. Es ist Hommage an die Familientradition, aber vor allem eine Geste der Unterstützung für den gestrauchelten Klub. Die 5000 Zuschauer im Stadio Comunale, die das inoffizielle Saisondebüt erleben wollen, jubeln, als John und Lapo Elkann auf der Bank neben Trainer Deschamps Platz nehmen.

John und Lapo schauen sich andächtig das langweilige Freundschaftsspiel gegen den Zweitliga-Klub Piacenza an. Ihr seliger Großvater Gianni Agnelli, der in der Familienkapelle im örtlichen Friedhof begraben ist, wäre stolz auf sie. Juventus steht für die Agnelli-Familie, für die Höhen und tragischen Tiefen. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kaufte der Fiat-Gründer Giovanni Agnelli den 1897 gegründeten Klub auf und machte ihn zur Spielstätte viel versprechender Familienzöglinge. Bei den „Bianconeri“, den „Weiß-Schwarzen“, sollten die „ungekrönten Häupter des Landes“ die nötigen Kniffe für das raue Wirtschaftsleben erlernen. Die allgemein ausgerufene Losung im Klub lautete „stile Juve“. Mit Anstand siegen. Es wurde zum geflügelten Wort und meinte ein Understatement, das von den Idealen des Sports und der Fairness bestimmt war.

Nach einem Jahrzehnt mit strahlenden Siegen steht Juventus durch den Manipulationsskandal nun vor einem Scherbenhaufen. Durch Abhörprotokolle der Staatsanwaltschaft von Neapel kam im Mai heraus, dass Geschäftsführer Antonio Giraudo und Klubmanager Luciano Moggi durch die tätige Mithilfe von Verbandsfunktionären und Schiedsrichtern systematisch Spiele manipulierten. Zwangsabstieg in die zweite Liga mit 30 Punkten Abzug für die kommende Saison, Aberkennung der Titel 2005 und 2006. Das war das Urteil aus erster Instanz. Die zweite Instanz gab einen unerwarteten Skonto bei den Minuspunkten: Es sind nur noch 17 für die kommende Saison. Dazu eine Platzsperre von drei Spieltagen und eine Geldstrafe von 120 000 Euro.

Auf den Skandal reagierte der Rekordmeister zwar mit einer beispiellosen Reinigungsaktion. Klubführung und Verwaltungsrat sind komplett neu besetzt. Präsident ist jetzt Giovanni Cobolli Gigli. Neuer Geschäftsführer des börsennotierten Klubs ist der smarte 43-jährige Jean- Claude Blanc, der sich bei der Organisation des Tennisturniers French Open, der Olympischen Spiele von Albertville und der Tour de France Meriten verdiente. Doch bei der Verteidigung vor dem Sportgericht des italienischen Fußballverbandes schlampten die Anwälte des Vereins. Als sich der Zwangsabstieg bis in die Drittklassigkeit abzeichnete, signalisierten sie die Bereitschaft, einen Zwangsabstieg in die zweite Liga anzunehmen. Die Anwälte gaben die Schuld zu und hofften auf ein mildes Sportgericht. Die anderen in den Skandal verwickelten Klubs wie Lazio Rom, der AC Florenz und der AC Mailand bestritten hingegen jegliche Schuld und wurden milde bestraft.

Die Wochen nach dem Urteil wurden für den neuen Präsidenten Cobolli Gigli zu einem regelrechten Spießrutenlauf. Er war bemüht, in den Medien plötzlich wieder ein sauberes Image des Klubs zu vermitteln. „Wir wollen wieder die Serie A“, sagt Cobolli Gigli nun.

Immer wieder rufen die Fans während des Spiels Lapos und Johns Namen, worauf diese artig aufstehen und zum Maschendrahtzaun gehen. Dort schreiben sie Autogramme und reden geduldig mit den Fans. Didier Deschamps zum Cheftrainer zu machen, war eigentlich eine kühne Entscheidung, denn er besitzt keine Erfahrung in der zweiten italienischen Liga. Ein Plus hat aber der kleine Franzose: Er spielte bis 1999 sechs Jahre lang für Juventus. Deschamps ist eine Führungspersönlichkeit. Er hat das, was man natürliche Autorität und Ausstrahlungskraft nennt. Deschamps war es auch, der einen Ausverkauf der Starmannschaft wenigstens halb verhinderte.

Insgesamt hat Juventus inzwischen 85,3 Millionen Euro aus den Verkäufen der Topspieler eingenommen, die nichts vom Abstieg wissen wollten. Pavel Nedved, Alessandro Del Piero, Gianluigi Buffon, David Trezeguet und Mauro Camoranesi bleiben jedoch auch in der zweiten Liga. „Sie bleiben zu 105 Prozent“, sagt der Franzose. Andere wie Fabio Cannavaro und Emerson sind Trainer Fabio Capello zu Real Madrid gefolgt, Gianluca Zambrotta und Lilian Thuram wechselten zum FC Barcelona. Patrick Vieira und Zlatan Ibrahimovic wechselten zu Inter Mailand. Es gab keine Möglichkeit, sie umzustimmen. Der Erste, der die Zusage auch für die zweite Liga gab, war Alessandro Del Piero. Mit seinem Bleiben köderte die Klubführung auch Nedved. Dann sagten auch Trezeguet und Camoranesi zu, ebenfalls in der „Serie B“ zu spielen. Schließlich willigte auch WM-Torwart Gianluigi Buffon ein. Diese Stars überzeugte der Klub mit fürstlichen Gagen. Camoranesi beispielsweise erhält eine Nettojahresgage von 2,5 Millionen Euro, Del Piero und Trezeguet jeweils 4,5 und Buffon und Nedved gar 5 Millionen. Die Prämien sind dabei noch nicht eingerechnet. Kein anderer Erstligaklub wäre bereit, solche Gagen zu zahlen. Geschweige die Zweitligakonkurrenten.

Das Spiel gegen den Zweitligaklub Piacenza gibt einen kleinen Vorgeschmack darauf, was Juventus in der kommenden Saison blüht. Es endet mit einem torlosen Remis, bei dem der Gegner natürlich über sich hinauswuchs. Die Juve-Tifosi zogen enttäuscht davon. Auch John und Lapo Elkann – mit Carabinieribegleitung.

Wenig später verschwand ihr Hubschrauber in der Abenddämmerung – Richtung Korsika, wo sie ihre Ferien fernab vom Rummel verbringen. Sie ahnten wohl, was am vergangenen Freitag die Schiedskommission des Nationalen Olympischen Komitees entschied. Es schmetterte den Widerspruch des Vereins gegen die Entscheidung der zweiten Instanz ab. Die Klubführung will nun die nächste Instanz, das Verwaltungsgericht bemühen, nötigenfalls auch den Europäischen Gerichtshof. Das würde Jahre dauern. Juventus Turin muss sich mit dem ersten Abstieg in der 109-jährigen Vereinsgeschichte abfinden. Und versuchen, umgehend wieder aufzusteigen.

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