Sport : Eine Schuhspitze zu spät

Klose trifft wieder nicht – aber die Geschichte zeigt, dass sich Vertrauen in einen Stürmer auszahlt

Miroslav Klose wird vom Schicksal im Moment wahrlich nicht bevorzugt behandelt. Neun Minuten sind im EM-Qualifikationsspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Slowakei vorüber, als ihm der Ball quasi auf dem Silbertablett serviert wird, mit rosa Schleifchen drum herum. Das Tor ist leer, und Klose muss den Ball aus drei Metern nur noch über die Linie stochern. Doch dann kommt von hinten der Fuß des slowakischen Innenverteidigers Jan Durica und erledigt den Job. Deutschland führt 1:0, Klose wird als Torschütze gefeiert, er jubelt über das Tor, als wäre es sein eigenes. Ist es aber nicht. Miroslav Klose, der eine Viertelstunde vor Schluss ausgewechselt wird, wartet weiterhin auf das Ende seiner Torlosigkeit.

„Diese Phase hat jeder Stürmer schon einmal gehabt“, sagt Kevin Kuranyi, der gestern an Kloses Seite stürmte. Der Bremer befindet sich jedenfalls in illustrer Gesellschaft: Jürgen Klinsmann blieb zwischen Oktober 1996 und September 1997 in der Nationalmannschaft ohne Torerfolg, insgesamt 854 Minuten, Rudi Völler musste vor der EM 1988 627 Minuten auf ein Tor warten, Oliver Bierhoff zwischen September 1999 und Juni 2000 616 Minuten. Von solchen Zahlen ist Klose noch weit entfernt. Er hat zwar seit September nicht mehr getroffen, seitdem aber auch nur vier Länderspiele bestritten.

Es zählt zum Basiswissen Stürmer, dass solche Perioden der Torlosigkeit kommen – und irgendwann auch wieder gehen. „Je mehr man darüber spricht, desto größer wird das Problem“, sagt Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft. „Man macht dann alles verkehrt. Läufst du an den ersten Pfosten, kommt der Ball an den zweiten. Geht man lang, kommt die Flanke kurz.“ Und im Zweifel drückt der gegnerische Verteidiger den Ball selbst über die Torlinie.

Man muss es einfach immer wieder probieren, und einen Stürmerversteher als Trainer haben, der es einen immer wieder probieren lässt, so wie Franz Beckenbauer einer war. Der Teamchef der Nationalmannschaft hatte kurz vor der Europameisterschaft 1988 ein Problem mit seinem besten Angreifer. Rudi Völler war ein Jahr zuvor zu AS Rom gewechselt, die Eingewöhnung fiel ihm schwer, die ganze Saison über hatte er sich mit Verletzungen geplagt, und in Deutschland wetterte „Bild“-Kolumnist Paul Breitner. Beckenbauer ließ sich davon nicht beirren. „Wenn Rudi spielen will, spielt er“, verkündete er. Und seine Treue zahlte sich aus. Im dritten Gruppenspiel erzielte Völler beide Treffer zum 2:0-Sieg gegen Spanien – nach sieben Länderspielen ohne Tor.

Miroslav Klose hat in diesen Tagen alle Unterstützung erhalten, die er sich wünschen kann. Bundestrainer Joachim Löw hat ihm eine vollumfängliche Einsatzgarantie ausgestellt, Kevin Kuranyi berichtete, dass alle Mitspieler versucht hätten, Klose „im Training so oft wie möglich anzuspielen“, und auch im Spiel suchten sie oft nicht den am besten postierten Kollegen, sondern Miroslav Klose. Die oft als egoistisch verschrienen Fußballprofis verfügen in solchen Fällen über eine hohe soziale Kompetenz.

Sie wissen eben, dass ein einziges Tor alles verändert. Das haben selbst die ganz Großen des Fußballs erlebt. Marco van Basten saß 1988 bei der EM im ersten Gruppenspiel der Holländer gegen die Sowjetunion nur auf der Bank. Bondscoach Rinus Michels hatte sogar darüber nachgedacht, ob er den Stürmer überhaupt nominieren sollte. Van Basten war lange verletzt gewesen und schien vergeblich nach seiner Form zu fahnden. Gegen die UdSSR wurde er eingewechselt, Holland verlor trotzdem. Im nächsten Spiel schoss van Basten alle drei Tore zum 3:1 gegen die Engländer, und am Ende des Turniers traf Holland wieder auf die Sowjetunion, diesmal im Finale. Das Tor zum 2:0-Endstand erzielte Marco van Basten.

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