Sport : Eine Sekunde entscheidet

Die Schweizer Yacht Alinghi verteidigt den America’s Cup in einem Segel-Drama gegen Neuseeland

Ingo Petz[Valencia]

Als der America’s Cup endlich wieder seiner war, jubelte Ernesto Bertarelli überschwänglich. „Ich liebe dieses Team, ich liebe Valencia“, sagte der Alinghi-Eigner. „Ich bin überglücklich. Diese Regatta hat Großes für den Segelsport geleistet.“ Weniger überschwänglich sah die Freude bei Skipper Brad Butterworth aus. Auf die Frage, warum Alinghi denn nun das bessere Team gewesen sei, sagte der Neuseeländer nüchtern: „Wir hatten ein wenig mehr Geschwindigkeit und haben gut gesegelt.“ Wahrscheinlich hat sich der 48-Jährige zu sehr an den Cup-Erfolg gewöhnt. Schließlich nahm er gestern zum vierten Mal nach 1995 die Silberkanne in Empfang. Er stemmte sie über seinen Kopf in den blauen Valencia-Himmel, das Team jubelte, das nicht so ganz so zahlreich erschienene Publikum klatschte. Dazu gab es Böllerschüsse, roten Konfettiregen, und Red Hot Chili Peppers vom Band. Alinghi verteidigte also den America’s Cup – mit einem 5:2-Sieg gegen den Herausforderer aus Neuseeland.

Vorher hatte die Mannschaft des Milliardärs Bertarelli einen weiteren Segel-Krimi durchstehen müssen. Das letzte Rennen kulminierte in der spannendsten Finalserie seit langem in einem dramatischen Finale: Die Schweizer segelten schließlich mit einer Sekunde Vorsprung zum Sieg.

Noch einmal waren die Neuseeländer gesegelt, als ginge es um ihr Leben. Ein grandioser Kampf, der alles bot: Führungswechsel, überragende Taktik, clevere Manöver und ein folgenschwerer Fehler, der die Neuseeländer den möglichen Sieg kostete. Nach einigen Führungswechseln kam es vor der zweiten Luv-Tonne zu dem Manöver, das Neuseeland zum Verlierer machte. Steuermann Dean Barker versuchte, aus der Falle zu entwischen, die ihm die gleichauf liegende Alinghi gestellt hatte. Dabei kam die neuseeländische Yacht der SUI 100 zu nahe. Klare Entscheidung: Penalty für der Herausforderer. Alinghi rauschte in Führung, Neuseeland segelte mit der Bürde, den Strafkringel noch vor dem Ziel fahren zu müssen, hinterher. Aber dann erst folgte der Höhepunkt des Finales. Die Schweizer landeten 500 Meter vor dem Ziel in einem Windloch, Neuseeland war nun schneller und zog schnell vorbei, Alinghi gewann nur langsam an Fahrt. Neuseeland drehte vor der Ziellinie die Strafrunde, Alinghi segelte langsam wieder heran und schaffte die Zieleinfahrt ganz knapp vor dem Herausforderer.

Damit bekam der Final-Thriller einen passenden Abschluss und einen Titelverteidiger, der „in den entscheidenden Momenten immer ein bisschen besser“ war, wie es Neuseelands Steuermann Dean Barker schon am Sonntag formuliert hatte. Allerdings präsentierte sich Alinghi nicht als die dominante Präzisionsmaschine, die in Auckland vor vier Jahren souverän zum ersten europäischen Triumph seit 1851 gesegelt war. Die Schweizer zeigten sich anfälliger, verwundbarer und als kühles Profi-Team. Wie anders dieses Team ist, konnte man sehen, als Sportdirektor Jochen Schümann bei den abschließenden Erklärungen des Siegers, etwas abseits neben Butterworth, Bertarelli und Steuermann Ed Baird saß – so, als ob er nicht zum Team gehörte. Bertarelli vergaß den deutschen Segler sogar in seiner Dankesrede. Vor vier Jahren hatte Butterworth Schümann noch als Stütze des Erfolges gelobt. Nun war der dreifache Olympiasieger eher der Mann in der zweiten Reihe. „Aber das ist genauso gut, wenn das Team letzten Endes gewinnt“, sagte Schümann.

Die überraschend starken Neuseeländer waren das eigentliche Wunder des 32. America’s Cup. Ihr Taktiker Terry Hutchinson sagte: „Es ist schon sehr enttäuschend, wenn man so häufig an der ersten Marke führt und das Rennen doch nicht gewinnen kann.“ Aber er müsse seinem Team ein großes Kompliment machen: „Es gehört einiges dazu, so einen Kampf hinzulegen. Das macht mich stolz, Teil eines solchen Teams gewesen zu sein.“

Mit dem Alinghi-Sieg dürfte sich auch der Kulturkampf zwischen den Modernisierern und den Traditionalisten entschieden haben, der hinter den Kulissen getobt hat. Kritiker hatten dem America’s- Cup-Management den Ausverkauf und die zunehmende Kommerzialisierung vorgeworfen. Bruno Troublé, Berater vom Pariser Luxushaus Louis Vuitton, hatte sogar mit dem Rückzug des traditionellen Sponsors gedroht, der seit 1983 Partner der Regatta ist – wenn Alinghi gewinnt. Neuseeland, sagte Troublé, habe mehr Respekt vor der Tradition des America’s Cup.

In den jüngsten Tagen hatte sich das Bild über die Zukunft des Cups langsam zusammengesetzt. Wie die spanische Zeitung „Las Provincias“ meldete, sollte nun das spanische Team Desafio Español zum ersten Herausforderer, dem sogenannten „Challenger of Record“, ernannt werden. Damit dürfte Valencia auch Austragungsort des 33. America’s Cup werden. Vielleicht ist es schon in zwei Jahren so weit. Bertarelli soll vom Land Valencia für eine neuerliche Austragung 150 Millionen Euro verlangt haben (60 Millionen mehr als für die zurückliegende Ausrichtung). Das ist nicht wenig Geld – aus Liebe zu Valencia allein wird Ernesto Bertarelli eben nicht nach Spanien zurückkehren.

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