Sport : Eine Sportart im Fall

Im Eiskunstlauf häufen sich Stürze. Liegt das am neuen Punktsystem und der asiatischen Konkurrenz?

Jeannette Krauth

Berlin - Auf den ersten Blick sah es bloß nach einem schönen Paar aus: Zwei junge Menschen im Sonnenschein, die Sporttaschen geschultert, schlendern von der Eissporthalle zum Auto. Er hält sie im Arm. Die Frau aber weint. „Dann ist es eben jetzt zu Ende“, sagt der Mann, tröstend.

Es war einer der letzten Augusttage, als Mikkeline Kierkgaard und Norman Jeschke, 21 und 26 Jahre alt, beschlossen, ihre Eiskunstlaufkarriere zu beenden. Damals sagten die beiden: Jetzt haben wir alles versucht, aber es reicht nicht. Wir werden im Dezember nicht zur deutschen Meisterschaft nach Berlin fahren. „An diesem dritten Trainingstag nach einer Erholungspause, wenn ein Sportler eigentlich vor Kraft strotzen sollte, da schaffte es Mikkeline nicht mal mehr, sich ohne Kopfschmerz und Schwächegefühl aufzuwärmen“, sagt Norman Jeschke. Die gebürtige Dänin war nicht fit, trotz Physiotherapie und Arztbesuchen. Kein Mediziner konnte ihr sagen, was sie genau hatte. Sicher war nur: Von einem Sturz im Training vor drei Jahren hat sie sich nie mehr richtig erholt.

Dass Kierkgaard und mit ihr Jeschke in dieser Saison zurücktreten, obwohl sie als Dritte der deutschen Meisterschaften 2004 vor einer hoffnungsvollen Zukunft standen, lenkt den Blick auf die vermehrten Stürze und Verletzungen in den vergangenen Jahren. Bei Kierkgaard war zwar nur ein Zusammenstoß beim Rückwärtslaufen schuld. Aber es gibt andere Beispiele: Die Weltmeisterin im Paarlauf, Tatjana Totmianina, stürzte 2004 aus einer Hebefigur direkt aufs Gesicht, kam mit einer Gehirnerschütterung davon. Die Polin Dorota Zagorska, mit Partner Mariusz Siudek Fünfte der Weltrangliste, zog sich im gleichen Jahr eine Schulterverletzung beim Cup of Russia zu. Die Chinesen Hongbo Zhao und Xue Shen, Sechste der Weltrangliste, hatten 2003 und 2005 mit so schweren Trainingsstürzen zu kämpfen, dass sie 2005 wegen Zhaos Fußverletzung ihren WM-Start Minuten vor dem Auftritt absagen mussten.

„Stürze gehören dazu, meist sind sie nicht so schlimm“ sagt der deutsche Einzelläufer Silvio Smalun, der bisher nur Prellungen erlitt. Dass Stürze durchaus Angst auslösend sein können, davon berichtet der Chemnitzer Robin Szolkowy, Vierter der EM mit Aljona Sawschenko: Sie hätten den dreifachen Wurf-Lutz nach schweren Stürzen „wieder in den Keller gestellt“ und sich erst nach Wochen wieder an den Sprung getraut, sagte der Chemnitzer. Die Programme sind in den vergangenen Jahren anspruchsvoller geworden, und die Folge davon sei, dass die Fehlerquote steigt, sagt Ilona Schindler. Sie trainiert Einzelläufer Stefan Lindemann und gilt als eine der besten deutschen Trainerinnen. „Vor zehn Jahren ist noch kein Mann den vierfachen Toeloop gesprungen“, sagt sie. Das sei in der generellen „Höher, schneller, weiter“-Entwicklung begründet, wie sie auch in anderen Sportarten zu finden sei. Es gibt aber auch andere Gründe: den gestiegenen Leistungsdruck durch die chinesischen Paare und die neuen Reglements. Der erste Grund: Je stärker der Mann und je leichter die Frau ist, desto besser sind die Voraussetzungen für viele und schwere Sprünge und Hebefiguren. Das beste Verhältnis zeigen die chinesischen Eiskunstlaufpaare. Denn so zierlich wie die asiatischen Läuferinnen ist kaum eine Konkurrentin. Von Magersucht ist da in der Szene die Rede, die Läuferinnen hätten die Körper von Kindern, und wie schmal sie tatsächlich seien, das sähe man auf dem Fernsehbildschirm gar nicht. Schwere Figuren werden, und das ist der zweite Grund, seit der Neuregelung des Bewertungssystems in der nun zweiten Saison, besonders hoch bewertet: Technische Schiedsrichter bestimmen den Schwierigkeitsgrad, also die Level 1 bis 4, und Richter benoten die künstlerische Ausführung. Beides zusammen ergibt die Endnote. Die Gefahr liegt in der Selbstüberschätzung: „Seit die Kür inhaltlich völlig reglementiert ist, versuchen die Läufer durch die Level zu punkten“, sagt Norman Jeschke. Deshalb ist die Versuchung groß, auch bei nicht ausreichender Stärke ein zu hohes Level zu wählen. Für den höchsten Schwierigkeitsgrad muss das Paar etwa gleich zwei Würfe oder Hebungen hintereinander zeigen, bevor die Frau das Eis wieder berühren darf.

„Zu Stürzen kommt es meist in der zweiten Programmhälfte“, sagt der Arzt Sven Authorsen, „wenn Ermüdung einsetzt, weil vorher zu viele Highlights gezeigt wurden.“ Der Mannschaftsarzt der Deutschen Eislauf Union, früher selbst aktiver Eistänzer, sieht das neue Reglement „nicht als Ursache der Stürze. Dadurch ist der Sport schneller, spektakulärer und dadurch attraktiver geworden“. Tatsache jedoch sei, dass mit zunehmender Artistik auch die Verletzungsgefahr steige.

Mikkeline Kierkgaard und Norman Jeschke stehen jetzt nur noch für das Märchen „Die Schneekönigin“ in Wolfsburg auf dem Eis. Ihr persönlicher Traum vom Eislaufen habe kein böses Ende gefunden, findet Norman Jeschke: „Das Projekt ist nicht ganz gescheitert. Wir haben ja uns.“ Die beiden sind auch privat ein Paar.

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