Sport : Eine Sportart punktet sich aus

Immer wieder gibt es Streit um das Bewertungssystem in der Rhythmischen Sportgymnastik – so auch gestern in Berlin

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Berlin Anna Bessonowa war sauer. Aber sie lächelte. Die Gymnastin strahlte übers ganze Gesicht und winkte dem Publikum mit einem Blumenstrauß zu. Beim Grand-Prix der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) in Berlin ist sie in den Disziplinen „Keulen“ und „Ball“ nur Zweite geworden. Einzig mit dem Reifen gewann sie. Dabei hätte es ihr Wettkampf werden sollen. Nachdem Alina Kabaeva, die Olympiasiegerin von Athen, vor zwei Wochen überraschend ihren Rücktritt erklärt hatte, war Bessonowa die große Favoritin. Den Mehrkampf am Samstag gewann sie mit großem Abstand, und auch gestern turnte die 20-Jährige wieder sehr elegant, von den Zuschauern wurde sie am lautesten gefeiert. Die Kampfrichterinnen bewerteten ihre Leistung aber nicht so hoch, wie sie selbst es erwartet hatte.

Hinterher zeigte die Ukrainerin dann Emotionen: „Ich kann die Jury überhaupt nicht verstehen, das ist sehr ungerecht“, sagte sie und war den Tränen nahe. Ihre Trainerin Albina Derijugidna ging einen Schritt weiter: „Es ist nicht das erste Mal, dass wir betrogen wurden“, sagte sie. „Wenn es so weitergeht, dann ist unsere Sportart schon bald nicht mehr olympisch.“

Derijugidnas Befürchtung ist nicht unberechtigt: Wegen des komplizierten Bewertungssystems gibt es häufig Beschwerden gegen die Wertungen, und die Zuschauer haben Schwierigkeiten, die Ergebnisse nachzuvollziehen. Das Internationale Olympische Komitee hat deswegen gedroht, Rhythmische Sportgymnastik aus dem Programm zu streichen. Dabei ist die Sportart erst seit 1984 olympisch. Der damalige Präsident Juan Antonio Samaranch bezeichnete RSG als „charmanteste und fraulichste Sportart der Welt“.

Um einen Ausschluss aus dem olympischen Programm zu verhindern, tritt am 1. Januar 2005 eine Regeländerung in Kraft. Bislang flossen der künstlerische und der technische Wert zu gleichen Teilen in die Übung ein. Ab dem nächsten Jahr soll der künstlerische Teil deutlich höher bewertet werden. „Insbesondere für die Zuschauer soll es einfacher werden, die Wertungen nachzuvollziehen“, sagt Heide Bruneder, Präsidentin der Europäischen Turn-Union der RSG.

Ein bisschen schade war, dass die Diskussionen um die Wertungen den letzten Tag des Grand-Prix in der Max-Schmeling-Halle prägten. Denn die Stimmung unter den 2500 Zuschauern war sehr gut: Die La-Ola-Welle schwappte durch die Halle, als die russische Mannschaft ihre Choreographie beendet hatte. Zwei Bälle und drei Reifen wirbelten sie auf dem 169 Quadratmeter großen Teppich so schnell durcheinander, dass man zeitweise das Gefühl hatte, sie wüssten selbst nicht mehr, wo sich ihre Sportgeräte befinden. Und zack: Plötzlich hielt jede von ihnen doch wieder eines in der Hand.

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