Sport : Eine Spritze zu viel

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Von Frank Bachner

Werner Rogosenski macht im Moment nicht das volle Trainingsprogramm, die 70, 80 Kilometer auf dem Rad. Jetzt noch nicht. Er ist erst in der Nacht zum Mittwoch aus Australien zurückgekommen, er will erst mal „ein bisschen spazieren fahren“. Australiens Wärme ist noch zu nah, Deutschland noch zu kühl und zu regnerisch. Er spürt das mehr als jeder Tourist, Rogosenski lebt in Australien, seit 1981 schon, nachdem der Kälteanlagenbauer Haus und Geschäft verkauft hatte und ausgewandert war. Doch jedes Jahr, im Sommer, kommt er nach Deutschland, nach Marl in seine Wohnung und zum Velo Club Wattenscheid, wo seine Freunde sind. Er kommt wegen des Rades und wegen der Rennen. Er fährt Rennen, seit er 16 ist.

Werner Rogosenski, den seine Freunde nur Bongo nennen, trägt dann auf dem Rad meist ein altes Trikot, eine alte Hose und eine alte Mütze. Rogosenski auf dem Rennrad, das erinnert an alte Farbbilder, an Fotos mit diesen matten, leicht verblichenen Farben. An früher halt, irgendwie. Er mag diese modernen Designerbrillen, die sie bei der Tour de France tragen nicht, er mag auch nicht so gern diese modernen Trikots. Das liegt natürlich auch am Alter. Werner Rogosenski ist 63 Jahre alt. Ein netter, älterer Mann. Zumindest beschreiben ihn seine Freunde so. „Der Bongo wirft nichts weg, wissen Sie“, sagt Heinz-Günter Nikoleit, Rogosenskis Freund und Chef des Velo Clubs Wattenscheid. „Der ist genügsam. Der schneidet ein faules Stück aus einem Apfel und isst ihn weiter. Der ist mit einer Flasche Wasser am Tag zufrieden.“ Ja, und „bescheiden ist der Bongo, überhaupt nicht neidisch“, sagt Klaus Mohnberg. Er kennt Rogosenski seit fast 50 Jahren, die beiden waren gemeinsam im Urlaub, „da war der Bongo sehr hilfsbereit“. Sie trainieren zusammen. Mohnberg hat 1998 aufgehört mit den Rennen, aber Rogosenski fuhr weiter. Zweimal wurde er Vize-Europameister bei den Senioren seiner Altersklasse, 2000 und 2001, 1999 auch Deutscher Vizemeister. Irgendwann sogar mal WM-Fünfter. „Aber er war nicht so ehrgeizig“, sagt Mohnberg, „er kannte seine Grenzen.“

Der Keulenschlag

Aber vielleicht kannte er seine Grenzen doch nicht, der Bongo. Sonst wäre er nicht bis 31. August 2002 gesperrt. Sonst wäre er auch nicht „durch die Hölle gegangen“. Rogosenski sagt selber „Hölle“. Denn Werner Rogosenski, der nette ältere Herr, ist ein Dopingfall. Positiv getestet mit 62 Jahren. Das Alter ist ungewöhnlich, aber sonst, und das ist schon eine gewisse Tragik im Fall Rogosenski, ist der Radrennfahrer ein typischer Dopingsünder. Jedenfalls spricht vieles dafür. Einer, der abstreitet, der leugnet, der sagt: Wissentlich habe ich nichts genommen. Der so reagiert wie fast alle überführten Dopingsünder.

Aber irgendwie passt das alles nicht in ein Bild. Es passt nicht zum Bild des netten, zurückhaltenden Herrn, den seine Freunde beschreiben, es passt nicht ins Bild, das ein Fremder erst mal bekommt, der mit ihm redet. Vielleicht ist dieses Bild aber einfach auch nur unvollständig.

Rogosenski redet von einer „Katastrophe“. Die begann im Mai 2001. Deutsche Seniorenmeisterschaften: Rogosenski wird Achter, er wird zur Dopingprobe ausgelost. Das Ergebnis lässt auf sich warten. Werner Rogosenski wird auch noch Vize-Europameister, im Endspurt knapp geschlagen. Rogosenski ist ein starker Spurter. Aber er gilt auch als so genannter Lutscher, als einer, der gerne am Hinterrad fährt und nicht so gerne führt.

Aber dann schreibt ihm der Bund Deutscher Radfahrer (BDR), dass er postiv getestet wurde bei der Deutschen Meisterschaft. Im Labor haben die Analytiker in seinem Urin die Substanz Metenolon, ein Anabolikum, gefunden. Es dient zum Muskelaufbau. „Es hat ihn getroffen wie ein Keulenschlag“, sagt Nikoleit. „Er war völlig bedröppelt“, sagt Mohnberg. „Wenn ich nicht gesessen hätte, wäre ich umgekippt“, sagt Rogosenski.

Seine Freunde sind fassungslos, und nach einigem Nachdenken erzählt Rogosenski ihnen eine Geschichte. So muss es gewesen sein, sagt er, so wurde ich positiv. Als er 2001 aus Australien zurückkam, habe er sich platt gefühlt, „einfach erschöpft. Ich hatte eine Grippe, und ich hatte schwere Beine“. Deshalb, sagt Rogosenski, „ging ich zu einem Arzt“. Er wollte eine Aufbauspritze, einfach, um wieder fit werden, Der Arzt habe ihm eine Spitze gesetzt, „aber ich wusste doch nicht, was da drin war“. Metenolon war drin, das Anabolikum, sagt Rogosenski. Er sei mit dem Arzt die Sache durchgegangen, sie hätten die Wirkstoffe der Spritze verglichen. Ja, habe der Arzt gesagt, das Mittel war drin.

Seine Freunde glauben ihm. „Hören Sie mal“, sagt Nikoleit, der Chef des Velo Clubs, „ich habe mir auch vor kurzem eine Spritze in den Rücken geben lassen. Ich hatte Probleme, weil ich Möbel geschleppt habe, ja, glauben Sie denn, ich weiß da, was der Doktor gespritzt hatte. Der wusste ja nicht mal, dass ich Radrennfahrer bin.“ Sieben Jahre fuhr er mit Rogosenski in der Seniorenklasse, 30 Rennen hat er in seiner Laufbahn gewonnen. „Ich kann Ihnen schon am Start sagen, wer da was eingeworfen hat.“ Nikoleit hat als Amateur selber zweimal das Aufputschmittel Captagon geschluckt.

Im Klub hat er Rogosenski verteidigt. „Natürlich gab es da versteckte Verdächtigungen.“ Der Werner wäre doch dumm, sagte er dann im Klub, wenn der freiwillig gedopt zur Kontrolle gegangen wäre. Der hätte doch sagen können, ich habe nicht gesehen, dass ich ausgelost wurde. Dann wäre er zwar auch gesperrt worden, aber nicht so lange wie jetzt, acht Monate. Und er hätte nicht als Dopingsünder gegolten. „Ich wäre doch blöd gewesen, da hinzugehen, wenn ich etwas eingenommen hätte“, sagt auch Rogosenski. Aber die Meisterschaft fand Wochen nach Rogosenskis Besuch beim Arzt statt. Möglich, sagt ein Dopingexperte, dass einer da geglaubt hatte, das Mittel sei nicht mehr nachweisbar. Möglich.

So gut wie sicher ist allerdings, dass Rogosenskis Geschichte mit der Spritze und dem Arzt so kaum stimmen kann. „Diese Geschichte“, sagt Professor Walter Schunack, der Leiter des Instituts für Pharmazie an der Freien Universität in Berlin, „ist erstunken und erlogen. Das ist Blödsinn und eine Ausrede“. Fritz Sörgel, der Leiter des Instituts für pharmazeutische Forschung in Nürnberg, sagt: „Das Ganze klingt absurd.“

Denn Menetolon, das in Rogosenskis Urin gefunden wurde, kommt nur im Arzneimittel Primobolan vor. „Und Primobolan“, sagt Sörgel, „ist ein altes Dopingmittel.“ In der Medizin wird es gegen massiven Muskelschwund eingesetzt. Krebskranke erhalten es zum Beispiel oder Patienten mit Knochenschwund. „Aber niemals würde man Primobolan gegen Erschöpfung spritzen“, sagt Sörgel. „Selbst ein Arzt, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, würde das nicht tun.“ Schunack sagt: „Ich halte es für abwegig, dass man bei Erschöpfung Primobolan spritzt.“ Schunack vermutet vielmehr, „dass er sich das in einem Fitnessstudio besorgt hat“. Sörgel sagt: „Am wahrscheinlichsten klingt, dass ein Arzt Primobolan gespritzt hat und er genauso wie der Fahrer wusste, weshalb.“ Schunack, der Professor für Arzneimittelkunde, sagt noch: „Fragen Sie doch mal nach dem n des Arztes. Dann können Sie bei dem nachfragen. Wenn Ihnen der Name nicht genannt wird, dann wissen Sie ja, was Sie von der Geschichte zu halten haben.“

Wie lautet der Name des Arztes, Herr Rogosenski? „Den möchte ich nicht nennen.“ – Was sagen Sie zu den Vorwürfen der Pharmakologen? Die bezichtigen Sie der Lüge? – „Tja, was soll ich dazu sagen? Dazu sage ich nichts. Die Sache ist doch längst erledigt. Wenn die das so sagen. . . Von mir aus können die Recht haben.“

Es ist ein Dialog mit hilflosen Antworten. Es ist eine Situation, in der man Mitleid bekommt mit einem anderen. Aber er klärt nichts auf, der Dialog. Er verstärkt höchstens den Verdacht gegen Rogosenski. Kein wütendes Dementi, keine Empörung, nur Schulterzucken. Vielleicht kann er sich nicht öffentlich empören, weil er so introvertiert ist. Vielleicht hat er aber auch schlicht keine Gegenargumente.

Trotzdem: Diese Gleichgültigkeit passt nicht. Denn innerlich brodelt es in Rogosenski. „Ich spüre eine Wut im Bauch“, sagt der 63-Jährige, „ich habe diese Wut Tag und Nacht in Australien gespürt. Ich musste die ganze Zeit an diesen Fall denken. Selbstverständlich bestreite ich weiter Rennen. Ich möchte zeigen, dass ich da bin.“

Der Werner Rogosenski, der sich selber beschreibt, der plötzlich über andere Gefühle als über seine Empfindundungen zu Sörgels Aussagen reden soll, beschreibt sich als ein extrem verletzter Mann. In Australien haben seine Freunde über seinen Dopingfall schon Bescheid gewusst, als er zurückkam. Sie haben es im Internet gelesen. „So musste ich ihnen nichts mehr erzählen. Das wäre für mich eine Qual gewesen“, sagt er. Seine Freunde hätten ihn nicht komisch angeschaut, sagt er auch noch.

Aber bei jedem Training musste er an die Sperre denken. Und jetzt verfolgt er nur noch ein Ziel: Die triumphale Rückkehr des Werner Rogosenski. „Ich werde 2003 Weltmeister“, sagt er mit einer Härte in der Stimme, wie sie sonst in keinem Satz durchklingt. „Ich will mich rehabilitieren.“

In diesem Jahr geht das noch nicht. Die WM 2002 findet drei Tage vor Ablauf seiner Sperre statt. Rogosenski sagt: „Das haben die Herren vom BDR gut hinbekommen.“

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