Sport : Eine Stadt macht sich auf den Weg

Der MSV Neuruppin spielt heute gegen Bayern München im Berliner Olympiastadion – plötzlich hat der Oberligist 17 000 Fans

Claus-Dieter Steyer[Neuruppin]

So eine Woche gab es im Neuruppiner Volksparkstadion noch nie. Kamerateams und Reporter bestürmten in der Heimstätte des Märkischen Sportvereins den Trainer, die Männer aus der Chefetage und die Fußballer. Deutsche-Welle- TV produzierte sogar eine lange Reportage aus der 90 Kilometer nördlich Berlins gelegenen Stadt für seine Zuschauer rund um den Erdball. Am meisten aber wunderten sich die Viertliga-Kicker über die vielen Zuschauer aus der Umgebung beim Training. Auffallend viele Kinder und Jugendliche standen allabendlich am Spielfeldrand, um ihre neuen Helden zu erleben. Sie wollten wissen, wem sie am Sonntag ab 17 Uhr im Pokalspiel gegen Bayern München die Daumen drücken.

„Genau diese Begeisterung für den Sport wollten wir in der Stadt auslösen“, sagt Dietmar Lenz, Vizepräsident des 1919 gegründeten Vereins. Er erzählt in großen Worten von der „beispiellosen Euphorie“ in der Stadt vor dem Spiel, von der Vorfreude aufs Olympiastadion in Berlin und dem nicht mal im Entferntesten geahnten Medieninteresse. „Sechs Fernsehsender, 80 Journalisten und 30 Fotografen haben sich akkreditiert“, sagt der Vizepräsident, der im Hauptberuf die örtlichen Stadtwerke leitet. Selbst die „Praline“ widmete sich auf einer Sonderseite der Provinzmannschaft.

Eine Stadt macht sich auf den Weg . Bislang wurden in Neuruppin 17 000 Tickets verkauft. Die Einwohnerzahl wird offiziell mit 32 000 Menschen angegeben. Aber in der eigentlichen Stadt, in der einst Friedrich Schinkel und Theodor Fontane geboren wurden, sind nur 24 000 Leute zu Hause. Der Rest lebt in eingemeindeten Dörfern ringsherum. Um 14.30 Uhr setzt sich ein Tross aus etwa 30 Bussen mit Fans am Einkaufszentrum „Reiz“ in Bewegung. Die Deutsche Bahn setzt einen Sonderzug bis Berlin-Spandau ein.

Längst hat sich der anfängliche Unmut über die Verlegung des Spiels ins Olympiastadion gelegt. Man wollte die Bayern ursprünglich lieber zu Hause erleben. Dietmar Lenz selbst gehörte nach der Auslosung der Partie vor fünf Wochen zu den eifrigsten Gegnern eines Umzugs in ein anderes Stadion. Aber dann türmten sich die Auflagen des Deutschen Fußballbundes zu einer nicht mehr zu bewältigenden Hürde aufeinander: Hunderte Ordner, VIP-Zelt, Presse-Zelt, 100 Dixi-Klos. Zusätzliche Tribünen für 9000 Zuschauer hätten 106 000 Euro gekostet. Auch dann hätte man nur maximal 14 000 Tickets verkaufen können. Das Spiel wäre sofort ausverkauft gewesen. Auch fehlte es an einer standesgemäßen Unterbringung des Rekordmeisters in der Stadt. Das neue Seehotel käme dafür zwar in Frage, es öffnet aber erst in einigen Wochen.

So sind jetzt alle Beteiligten froh, in Berlin spielen zu können. Der Verein hofft auf den Verkauf „einiger tausend Karten“ in Berlin. „Die kommen sicher direkt zum Spiel, weil sie so die Vorverkaufsgebühr sparen“, mutmaßt Vizepräsident Lenz. Bei etwa 20 000 verkauften Tickets macht der Verein zusätzlichen Gewinn. Die Einnahmen teilen sich beide Mannschaften. Außerdem zahlt der DFB 54 000 Euro Startgeld für die erste Runde. Der MSV lobte die Unterstützung durch Hertha BSC bei der Organisation der vielen kleinen Dinge für so ein großes Spiel. Dabei zahlte es sich aus, dass Neuruppin zu den Partnerstädten des Bundesligisten gehört.

Für die Neuruppiner Fußballfans wird sich die Reise nach Berlin noch aus einem anderen Grund lohnen: Bayern München will in jedem Fall in Bestbesetzung antreten. In der Stammkneipe der Fans rechnet bei aller Euphorie niemand mit einem Überraschungscoup. Die Tipps bewegten sich zwischen 5:1 und 7:2 für den Favoriten. Die Wetten standen gestern 22:1 – für einen Sieg des Pokalverteidigers.

Ausdrücklich erlaubte der Verein seinen Spielern den Trikottausch nach dem Spiel. Aus Kostengründen war dieser zunächst nicht vorgesehen gewesen. „Aber so ein Spiel gibt es nur einmal“, sagt Lenz. „Ich selbst werde von der Trainerbank um ein Bayern-Trikot rennen.“ Etwas traurig reagierte er auf die Absage der Fernsehanstalten, das Spiel live zu übertragen. „Das hätte uns 500 000 Euro in die Kassen gespült, allein schon durch den Verkauf der Werbebanden am Spielfeldrand.“

Trainer Christian Schreier macht sich keine Illusionen. „Wir wollen ein Debakel verhindern“, sagt der 46-jährige frühere Profi, „und vielleicht ein Tor schießen.“ Anfang der Achtzigerjahre spielte er mit dem VfL Bochum und Bayer Leverkusen mehrfach gegen die Bayern. „Meine Mannschaft soll das einmalige Spiel gegen die großen Namen und vor der Kulisse einfach genießen und die Angst überwinden.“ In 20 Monaten führte Schreier das Team von der Verbandsliga zur Oberliga und ins Finale um den Brandenburger Landespokal. Hier wurde Babelsberg 03 mit 2:1 besiegt. Der Aufstieg in die Regionalliga klappte noch nicht, der FC Carl Zeiss Jena setzte sich in zwei Relegationsspielen durch. Schreier hat die letzten Partien der Bayern beobachtet. Auch die Münchner nehmen das Spiel ernst. „Wir haben das letzte Spiel des MSV beobachten lassen“, bestätigte Trainer Felix Magath. Da gewann die Mannschaft, deren Spieler meist 24 und 25 Jahre alt sind, 4:1 gegen Anker Wismar.

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