Sport : Eine sündhaft teure Lüge

US-Sprinterin und Olympiasiegerin Marion Jones gesteht nach langem Leugnen offenbar ihr Doping

Frank Bachner,Sebastian Moll[New York]

Die Villa in Chapel Hill, in North Carolina, gehört jetzt wieder der Bank, zwei weitere Häuser in den USA musste Marion Jones auch verkaufen. Sie ist pleite. In einem Gerichtsprozess im Sommer 2007 erklärte die 31-Jährige, sie besitze noch rund 2000 Dollar. Millionen Dollar hatte die Sprinterin und dreifache Olympiasiegerin der Spiele von Sydney an Preis- und Sponsorengeldern sowie Siegprämien kassiert, das meiste floss auf die Konten von Rechtsanwälten, die sie jahrelang gegen Dopingvorwürfe verteidigten. Völlig nutzlos, wie sich jetzt zeigt.

Die Frau, die vier Jahre lang über die Distanz von 100 Metern ungeschlagen war, hätte sich das Geld wohl sparen können. Marion Jones hat offenbar Dopingmissbrauch gestanden. Die „Washington Post“ berichtet, Jones habe in einem Brief an Freunde und Familienmitglieder eingeräumt, dass sie von 1999 an zwei Jahre lang von ihrem Trainer Trevor Graham illegale Substanzen genommen habe. Graham habe ihr den Stoff als Leinsamenöl verkauft. Aber er habe sie auch gebeten, davon nichts zu erzählen. Das hätte sie misstrauisch machen müssen. Als Grund für ihre vielen Falschaussagen habe sie in ihrem Brief Panik und Selbstschutz angegeben. Am Freitag wollte sie sich vor einem Bundesgericht in New York schuldig bekennen. Bis zum Redaktionsschluss stand ihre Aussage noch aus.

Ein Geständnis kann schmerzhaft werden für die Weltklassesprinterin, die in diesem Jahr eine Babypause einlegt. Denn Jones hatte vor einer Grand Jury, hoch offiziell also, geschworen, sie habe nie unerlaubte Mittel genommen. Bei Meineid droht eine Haftstrafe, außerdem steht zu erwarten, dass das Internationale Olympische Komitee ihr die Goldmedaillen aberkennt. Der US-Sprinter Jon Drummond, 2000 in Sydney Olympiasieger mit der 4-x-100-Meter-Staffel, reagierte fassungslos: „Ich hatte geglaubt, sie sei sauber. Ich bin geschockt.“

Doch bei Jones war der Dopingverdacht längst mit Indizien untermauert. Als im Herbst 2003 der Dopingmittel-Produzent Victor Conte, Besitzer der Firma Balco, aufflog – interessanterweise durch einen Hinweis des Jones-Trainers Trevor Graham –, tauchte in den Kundenunterlagen von Balco der Name Jones auf. Fahnder fanden einen Kalender mit einem Dopingzeitplan für einen Kunden namens „MJ“. Außerdem entdeckten sie einen Scheck über 7350 Dollar für Medikamente von Balco. Jones dementierte erst jeden Kontakt zu Balco, räumte dann aber ein, für ein Zink-Magnesium-Präparat von Balco geworben zu haben. Doch im Juni 2004 schilderte Jones geschiedener Gatte C. J. Hunter, ein gedopter Kugelstoßer, welche Dopingpräparate seine frühere Frau genommen habe. Und Ende 2004 erzählte Conte, dass Jones vor und während der Olympischen Spiele in Sydney Steroide, Wachstumshormon und andere Dopingmittel genommen habe.

Jones verklagte Conte daraufhin wegen Verleumdung auf 25 Millionen Dollar Schadensersatz, einigte sich dann mit ihm außergerichtlich und verwies seitdem gebetsmühlenhaft auf mehr als 160 Dopingtests mit negativem Ergebnis. Und selbstverständlich schwor sie vor einer Grand Jury. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie diverse Sponsoren verloren, auch sportlich lief es nicht bei ihr. Bei den US-Meisterschaften 2006 wurde sie in einer A-Probe positiv auf Epo getestet, die B-Probe fiel negativ aus, deshalb galt sie bis jetzt unverändert als ungedopt.

Marion Jones benötigte zuletzt offenbar jeden Dollar, deshalb musste sie bei den Meetings in Europa noch einmal abkassieren. Doch beim Istaf in Berlin 2006 wurde sie wegen ihrer Vorgeschichte ausgeladen. Dabei stand schon der Gerichtsvollzieher bereit, um die Sprinterin in Berlin aufzusuchen. Beauftragt war er von Dan Pfaffs deutschem Anwalt. Pfaff war Trainer von Jones und wurde von ihr mit der abenteuerlichen Begründung gefeuert, er habe sie nicht zum Weitsprung-Olympiasieg 2004 führen können. Ein Gericht in Dallas verurteilte Jones zur Zahlung von 238 000 Dollar an Pfaff. Aber die frühere Millionärin Marion Jones konnte nicht zahlen.

Inzwischen lebt sie als zweifache Mutter in Austin, Texas. Möglicherweise ist ihr Zweitwohnsitz bald aber vorübergehend eine Gefängniszelle. (mit dpa)

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