Sport : Eine Tablette bis zum Tod

Frank Bachner

Birgit Boese greift kurz in ihren Schreibtisch, dann legt sie Tabletten auf einen Stapel Papiere. IBUPROFEN 800, sehr starke Schmerztabletten. Birgit Boese ist ziemlich stolz, dass sie seit drei Wochen keine mehr geschluckt hat. Vor drei Wochen nahm sie noch drei pro Tag. Anders hätte sie die Rückenschmerzen nicht ausgehalten. Einmal fragte sie einen Arzt: "Sind vier auch okay?" "Ja", sagte der Arzt, "wenn Sie sich umbringen wollen bei ihrem Herz, dann sind vier auch okay." Boese hatte mal einen Blutdruck von 240/140, eine Ärztin sagte, sie habe fünf Sekunden vor einem Schlaganfall gestanden. Jetzt schluckt sie eine wirksame Herztablette, der Blutdruck liegt bei 150/90. Es ist die einzige Tablette, die sie derzeit täglich einnimmt. Es gab Tage, das waren es 17, sechs allein gegen ihre Allergien.

Und alles hängt irgendwie mit dem Doping zusammen, da ist sich die 39-Jährige ziemlich sicher. Die Rückenprobleme, sagt sie, auf jeden Fall. Zu DDR-Zeiten musste das Kugelstoß-Talent Boese Kniebeugen mit 100-Kilogramm-Gewichten machen. Sie schaffte es, weil ihr die Trainerin Dopingpillen gab. Birgit Boese war zwölf Jahre alt. Das Krafttraining deformierte ihre Wirbelsäule.

Birgit Boese ist ein DDR-Dopingopfer. Sie könnte von den vier Millionen Mark profitieren, die der Bundestag jetzt endlich in einen Opfer-Fonds einbezahlen will. An ihrem Fall lässt sich aber auch zeigen, dass die Opfer mit dem Geld nicht in Urlaub fahren.

Die 39-Jährige tippt ein paar Zahen in einen Taschencomputer. "Jährlich muss ich wegen meiner Krankheiten 2970 Mark bezahlen", sagt sie. Wegen der kaputten Wirbelsäule, kaputt in allen Bereichen, ist sie bei einem Chiropraktiker in Behandlung. Das kostet im Schnitt pro Monat 600 Mark. Die Krankenkasse zahlt nicht. "Weil Chiropraktik keine anerkannte Therapie ist", sagt Boese. Sie geht auch zu Ärzten, die alternative Medizin anwenden. "Wir haben doch so viele Probleme, dass die normale Schulmedizin gar nicht hilft." Wegen der Allergien bekam sie Cortison. Das vertrug sie nicht, also ging sie zur Akupunktur und stellte ihre Ernährung um. Eine Akupunktur-Sitzung kostet 80 Mark, 40 Sitzungen im Jahr brauchte sie. Seit der Akupunktur und der neuen Ernährung kann sie auf Cortison verzichten. "Sie werden ihr Leben lang Cortison benötigen", hatte man ihr noch im Krankenhaus gesagt. Die Akupunktur muss sie trotzdem selbst bezahlen.

Sie kann keinen direkten Zusammenhang zwischen Allergien und Doping herstellen. "Aber Doping greift ins Immunsystem des Körpers ein." In ihre Sportlerakte hatten DDR-Ärzte geschrieben: "Sie hustet oft. Allergien?" Dopingpillen erhielt sie trotzdem. "Akupunktur und Chiropraktik zugleich kann ich mir gar nicht erlauben", sagt Boese. Sie muss auch immer wieder zur Kur wegen ihres Rückens. Die Kur kostet sie pro Tag rund 35 Mark. Und ihre Zukunft ab dem 1. Januar ist ungewiss. Birgit Boese führt ein Modegeschäft, seit elf Jahren. Gesundheitlich halten Sie das nicht mehr durch, sagen die Ärzte, also hört sie zum Jahresende auf. Aber das Gehalt ihres Mannes reicht nicht, um die Familie zu ernähren. "Und Arbeitslosengeld bekomme ich nicht."

Birgit Boese sitzt jetzt schon ziemlich lange auf ihrem Stuhl, die Rückenschmerzen kommen wieder. Ein Besuch beim Chiropraktiker wäre bald wieder fällig. Aber das ist teuer, zu teuer im Moment. "Ich muss halt die Schmerzen möglichst lange aushalten, wegen der Nieren kann ich ja nicht ständig Tabletten schlucken." Aber wenn es heute noch schlimmer wird, sagt sie und blickt auf die IBUPROFEN 800, "dann werde ich heute Abend doch noch eine schlucken".

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