Sport : Eine Tüte voller Geschichte

Wie Tennisprofi Francesca Schiavone als erste Italienerin völlig überraschend die French Open gewann

Petra Philippsen[Paris]

Wenn man auf etwas sein ganzes Leben lang gewartet hat, dann erscheint der Moment, in dem es sich schließlich erfüllt, zunächst unwirklich. Francesca Schiavone stand auf dem Court Philippe Chatrier inmitten der aufflackernden Blitzlichter und wirkte in Gedanken ganz bei sich. Sie hatte es tatsächlich geschafft: Sie hatte die French Open gewonnen. Die silberne Coupe de Suzanne Lenglen hielt Schiavone so fest umschlungen wie es Kinder mit ihrem Lieblingsstofftier tun.

Ihre Leidenschaft und der unerschütterliche Glaube an sich selbst hatte sie hierher gebracht. Und ihr Kämpferherz, das sie nie hatte aufgeben lassen. Niemals während der vergangenen 14 Jahre, in denen sie als Tennisprofi unterwegs war, und das mit mäßigem Erfolg. „Ich habe immer von diesem Turnier geträumt“, sagte Schiavone, „es war immer weit weg von der Realität, doch niemals weit weg von mir.“

Niemand hatte die Italienerin in Paris auf der Rechnung gehabt, warum auch? Weiter als bis ins Viertelfinale hatte sie es beim wichtigsten Sandplatzturnier der Welt nie gebracht – bei ihrem Debüt vor neun Jahren. In zwei Wochen wird Schiavone 30 Jahre alt, eine Spätberufene. „Ich war lange nicht bereit“, erklärte sie, „jetzt ist meine Zeit gekommen.“

Sie war gekommen an diesem Samstagnachmittag in Roland Garros, als sie gegen die Australierin Samantha Stosur die Partie ihres Lebens bestritt. Beide standen zum ersten Mal im Endspiel eines Grand-Slam-Turniers, der leichte Vorteil lag jedoch bei der Weltranglistensiebten Stosur, die die vorigen vier Duelle mit Schiavone für sich entschieden hatte. Doch die Favoritenrolle lastete zu schwer auf den muskulösen Schultern Stosurs, die sich von ihrer Nervosität nie ganz befreien konnte. Ihre sonst so gefürchteten Kick-Aufschläge, die sie fast als einzige Spielerin beherrscht, waren zu harmlos. Auch mit ihrer knallharten Vorhand konnte sie nur selten punkten.

Doch vieles beim 6:4- und 7:6-Sieg lag schlicht an der Leistung des italienischen Energiebündels. Einfach alles schien ihr zu gelingen. „Ich war mental und taktisch perfekt vorbereitet“, sagte Schiavone, „ich habe mich so sehr auf meinen Aufschlag konzentriert.“ Mit Erfolg: Hatte sie es im Turnierverlauf bis dato auf neun Asse gebracht, schlug sie im Finale alleine sechs. Mit ihrem Spielwitz im Stile einer Justine Henin trieb sie Stosur in die Defensive, baute mit ihrer Rückhand übermächtigen Druck auf. „Ich habe immer mehr und mehr Energie gespürt. Ich konnte es nicht mehr stoppen“, sagte Schiavone, „im Tie-Break wusste ich dann: Das ist mein Moment. Meine Chance. Und ich ergriff sie.“ Zum Leidwesen ihrer Gegnerin, die die Niederlage zutiefst schmerzte. „Sie war zu gut. Es war einfach ihr Tag heute“, sagte Stosur.

Auch Schiavone bekam feuchte Augen – vor Rührung –, als sie bei der Siegerehrung eine Gruppe ihrer ältesten Freunde entdeckte, die alle schwarze T-Shirts mit der Aufschrift „Nichts ist unmöglich“ trugen. Eine zehnstündige Autofahrt von Mailand hatten die Italiener in Kauf genommen, um den großen Moment ihrer Freundin mitzuerleben. Und es gab niemanden, der ihr diesen späten Triumph nicht gegönnt hätte. Die quirlige, nur 1,66 Meter große Schiavone mit dem ansteckenden Lachen zählt zu den beliebtesten Spielerinnen. Ihre natürliche, witzige Art kommt an, genauso wie ihre harte Arbeit und der unbändige Wille auf dem Platz.

In ihrer Heimat hat sie nun schlagartig den Status einer Nationalheldin erreicht. Als erste Italienerin der Geschichte, die ein Grand-Slam-Turnier gewann, beherrschte sie die Schlagzeilen der Zeitungen und Nachrichtensender. Selbst die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft trat dafür kurzzeitig in den Hintergrund. Als zweitälteste Siegerin der Grand-Slam-Geschichte wird Schiavone ab Montag erstmals als Nummer sechs der Welt geführt werden. Zu diesem historischen Moment gratulierte ihr gar Italiens Präsident Giorgio Napolitano via Telefon. Doch das bedeutete ihr nichts im Vergleich zu dem Anruf ihrer Eltern, die zu Hause in Mailand geblieben waren. „Ich erinnere mich, dass du schon als Kind nur von diesem Turnier geträumt hast“, hatte ihr Vater Francesco zu ihr gesagt.

Francesca Schiavone musste an diesem Abend noch einmal zurückgehen auf den Court Philippe Chatrier, den Platz, den sie geküsst, mit dem sie gesprochen und dem sie gedankt hatte für den größten Moment ihres Lebens. Und als ob es für sie eines letzten realen Beweises bedurft hätte, kratzte sich Schiavone ein Häufchen roter Asche zusammen und trug es in einer Tüte hinaus.

Hinweis: Das Finale der Männer war bei Redaktionsschluss noch im Gange

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